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Full text of "Handwörterbuch der Psychoanalyse 3.Lieferung Bw - Energie, seelische"

HANDWÖRTERBUCH 

DER 

PSYCHOANALYSE 



von 



Dr. Richard Sterba 



3. Lieferung 
Bw — Energie, seelische 



19 3 6 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Bw — Charakter 65 



auch das unbewußte Schuldgefühl (s. Schuldgefühl), das im Ich der ver- 
pönten Regungen des Es wegen wirksam sein kann, das Ich veranlaßt, sich 
so zu verhalten und so zu agieren, daß ihm Unlust und Einbußen erwachsen, 
die man nicht anders bewerten kann als unbewußt beabsichtigte Beeinträch- 
tigungen der eigenen Person zum Zwecke der Befriedigung dieses unbe- 
wußten Schuldgefühls, also als unbewußte Bußen. Durch psychoanalytische 
Aufdeckung der Zusammenhänge ergibt sich, daß zahlreiche Zeremonien der 
Wilden, viele Kulthandlungen der Religionen und viele Symptome und 
Verhaltensweisen der Neurotiker der Befriedigung unbewußten Schuldgefühls 
dienen und in diesem Sinne die unbewußte Bedeutung von Bußhandiungen 
haben. Das neurotische Leiden dient vielfach als unbewußtes Bußerlebnis. 
Nur die Aufdeckung der infantilen Schuld, für die das Über-Ich (s. d.) das 
Leiden vom Ich fordert, vermag den Bußzwang rückgängig zu machen und 
vom neurotischen Leiden zu befreien. 

Bw (Cs; acces ä la conscience) 

Das Bewußtwerden eines psychischen Vorgangs stellen wir uns als eine 
Art innerer Wahrnehmung desselben vor. Jenes psychische System, das diese 
Wahrnehmung vornimmt, nennen wir das System Bw. Es ist gleichsam ein. 
Sinnesorgan für Vorgänge im seelischen Apparat und ist von zwei Seiten 
her erregbar. Von außen, indem die durch die Sinnesorgane aufgenom- 
menen Reize zu ihm weitergeleitet werden, von innen, indem es die Empfin- 
dungen von Lust und Unlust wahrnimmt. Seine Lage entspricht den Rich- 
tungen, aus denen ihm Erregungen zufließen; es Hegt zwischen innen und 
außen, auch anatomisch lokalisieren wir es in die Hirnrinde. Seiner Struktur 
nach ist es dadurch gekennzeichnet, daß Erregungen in ihm keine dauernden 
Spuren setzen, wie es etwa in den Erinnerungssystemen geschieht; Freud 
nimmt an, daß eben an Stelle der Erinnerungsspur das Bewußtsein steht. 
Dem System Bw schreiben wir auch noch die Beherrschung des Zugangs zur 
Motilität und in den Normalzuständen auch zur Äffektivität zu. Auch der 
Zeitsinn muß diesem System zugesprochen werden (s. a. bewußt, Bewußt- 
sein, Ich). 



c 



Charakter (character; caractere) 

Der Begriffsinhalt des Charakters ist durch eine einheitliche Definition 
nicht wiederzugeben; er müßte von mehreren Gesichtspunkten aus, die z. T. 
außerhalb des psychoanalytischen Aspektes liegen, definitorisch betrachtet 
werden. Wir teilen den Charakter dem I c h zu. Den größten Teil des Begriffs- 
inhaltes Charakter umfassen die konstanten und typischen Reaktionsweisen 

Dr. Sterba: Handwörterbuch. s 



66 



analer Charakter — hysterischer Charakter 



ides Ichs auf äußere und innere Reizzufuhren, durch die dieses bestimmte Ich 
sich von anderen Ichstrukturen unterscheidet. Die Art wie das Ich mit den 
verschiedenen Ansprüchen des Es, des Ober-Ichs und der Realität fertig wird, 
macht einen großen Teil des Charakters aus. Aber auch die Beziehung zu sich 
selbst (Narzißmus), das Maß an mitgegebener Aggression und die Art der Be- 
wältigung derselben bestimmen den Charakter von der Triebseite her wesent- 
lich. Einzelne Charakterzüge vermag die Psychoanalyse direkt als Fortsetzung 
der Triebe zu erkennen, so den Geiz als Abkömmling analerotischer Trieb- 
komponenten. Ändere erweisen sich als Sublimierungen der Triebe, wieder 
andere als Reaktionsbildungen des Ichs gegen Triebansprüche. Letzten Endes 
ruht der Charakter auf organischer Grundlage. Die kindlichen Erlebnisse und 
Schicksale sind dennoch für seine Entwicklung und Richtung in hohem Maße 
bedeutend. So hängt z. B. die Möglichkeit einen Trieb in einen Charakterzug 
fortzusetzen, oder andrerseits einen Charakterzug als Reaktionsbildung da- 
gegen aufzurichten, wesentlich von äußeren Einflüssen und Schicksalen ab. 
Insoferne ist der Charakter in beschränktem Maße auch durch Aufhebung 
der infantilen Verdrängungen psychoanalytisch beeinflußbar. 

Die Analyse faßt einige auf gleicher Triebgrundlage entstandene Charakter- 
eigenschaften zu „Charakteren" zusammen, die nach der betreffenden Trieb- 
grundlage benannt werden (s. Anal Charakter, s. oraler Charakter). Außer- 
dem benennt die Psychopathologie Charaktere, die häufig mit bestimmten 
Symptomenkomplexen verbunden gefunden werden, nach diesen Symptomen- 
komplexen (hysterischer Charakter, zwangsneurotischer Charak- 
ter). In seiner Arbeit „Über libidinöse Typen" (Ges. Sehr. Bd. XII) versucht 
Freud eine charakterologische Typologie auf Grund der Verteilung der 
Libido auf die verschiedenen Provinzen des seelischen Apparates. Er unter- 
scheidet danach einen narzißtischen Typus, dessen Libido vor allem im 
Ich wirksam ist, einen erotischen Typus, dessen Libido vorwiegend Objekt- 
besetzungen vornimmt, und einen Zwangstypus, dessen Libido vor allem 
im Über-Ich untergebracht ist. Meist findet man Mischungen der reinen 
Typen vor. 

Von den in der psychoanalytischen Literatur geläufigeren Charaktertypen 
seien folgende angeführt: 

analer Charakter, s. Anal charakter, 



hysterischer Charakter (hysterical character; caractere hysterique) 

Als charakteristisch für den hysterischen Charakter werden erhöhte Sugge- 
sribilität, ungezügelte Äffeküvität, Lügenhaftigkeit, Eitelkeit, Theatralik ge- 
nannt. Wir finden aber hysterische Symptome häufig ohne solche Charakter- 
eigenschaften, andererseits Menschen von solcher Art ohne neurotisches 
Symptom, so daß der Begriff „hysterischer Charakter" über das Verhältnis 
zwischen Hysterie und Charakter wenig aussagt, auch sonst zu wenig scharf 
bestimmbar ist, um sehr verwendungsfähig zu sein. Analytisch betrachtet 
charakterisiert hysterische Personen das wechselnde Spiel zwischen genitaler 



narzißtischer Charakter — oraler Charakter 67 

Sexualität und starker Verdrängungsneigung, aus dem die oben genannten 
Eigenschaften zum Teil erklärbar sind. 

narzißtischer Charakter (narcissistic character ; caractere nar- 
cissique) 

Der narzißtische Charakter ist im wesentlichen dadurch gekennzeichnet, daß 
die stark libidinöse Besetzung des eigenen Ichs dasselbe allenthalben in den 
Mittelpunkt der Interessen und Handlungen stellt. Geringe Besetzung des 
Ober-Ichs und geringe Abhängigkeit von anderen Objekten bedingen die 
Schuldgefühlsfreiheit und Selbständigkeit des narzißtischen Charakters. Die 
narzißtischen Charaktere werden häufig als „Persönlichkeifen" empfunden, 
sie eignen sich zu Führern. Ihr Mangel an Rücksichtnahme auf die anderen' 
und ihre Bereifschaff, Triebbefriedigung zu erzwingen, führt stark narziß- 
tische Charaktere leicht zur Verwahrlosung und zum Verbrechertum. Die 
narzißtischen Charaktertypen zeigen ferner eine erhöhte Neigung zur Psycho- 
se; es hängt dies mit den lockeren Objekt- und Äußenweltbeziehungen des 
narzißtischen Charakters zusammen, (s. auch Narzißmus). 

neurotischer Charakter (neurotic character; caractere nevrofique) 

Als neurotischen Charakter kennzeichnet Franz Alexander pathologische 
Persönlichkeiten, welche die meisten oder viele lebenswichtige Handlungen 
nicht entsprechend den Forderungen der Realität, sondern entsprechend 
ihren unbewußten, infantilen Einstellungen, Wünschen und Vorstellungen 
ausführen; Während der Neurotiker leidet und sein Symptom als Fremd- 
körper empfindet, handelt der neurotische Charakter und fühlt seine 
pathologische Handlungsweise zumindest im Momente der Ausführung als 
zu seinem Ich gehörend. Solche Charaktere gestalten ihr Schicksal durch 
alloplastische Reaktionen (s. d.) nach Ihren unbewußten Wünschen, erleiden 
allerdings häufig dabei schwere Beeinträchtigungen durch ihr eigenes Schuld- 
gefühl, das sie zu schicksalsmäßigen Leidenserfahrungen zwingt, oder durch 
die Folgen krimineller Handlungen, die sie „agierend" ausführen müssen. Die 
„Charakterfypen aus der psychoanalytischen Arbeit" von Freud (Ges. Sehr. 
Bd. X) gehören ebenfalls unter die neurotischen Charaktere. (Franz Alex- 
ander, Der neurotische Charakter, Z. XIV. 26.) 

oraler Charakter (oral character; caractere oral) 

Karl Abraham hat die oralen Beiträge zur Charakterbildung untersucht 
und Charakterzüge, die in typischem Zusammenhange mit oralen Triebsfre- 
bungen stehen, als oralen Charakter zusammengefaßt. Die einzelne Ausge- 
staltung des oralen Charakters hängt davon ab, ob die Sauge! zeit glück- 
lich oder unbefriedigend verlaufen ist. Im ersferen Falle entsteht eine Dis- 
position zu unerschütterlichem Optimismus, der oft die Tätigkeit und 
persönliche Expansion lähmt. Auch halfen solche Charaktere häufig darauf, 
durch eine feste, womöglich staatliche Anstellung ihre Subsistenzmitfel bis 

5* 



68 



triebhafter Charakter— zwangsneurotischer Charakter 









zum Tode gewahrt zu haben. Bisweilen sind diese Charaktere in Identifizie- 
rung mit der spendenden Mutter besonders freigebig; manchmal ist diese 
Freigebigkeit an die Mundzone gebunden, dann resultiert daraus ein hart- 
näckiger Rededrang. — War die Saugezeit unbefriedigend, dann bleibt den 
daran Fixierten etwas ständig Verlangendes, beharrlich Saugendes 
im Wesen; sie bitten oder fordern andauernd über alle Abweisung hinweg. 
Ist die Beißphase stärker in die Fixierung einbezogen, dann treten 
sadistische Züge deutlicher hervor. Das Ansaugen bekommt etwas Vampyr- 
haftes. Züge von „Bissigkeit" und Habsucht, Neid, Mißgunst entstammen 
ebenfalls Regungen der Beißphase. Hast, mangelnde Ausdauer, Un- 
ruhe kennzeichnen den oralen Charakter vor allem gegenüber dem kon- 
servativen, beharrlichen Änalcfaarakter. (Karl Abraham, Psychoanalytische 
Studien zur Charakterbildung.) 

triebhafter Charakter (impulsive character; caractere pulsionnel) 
Wilhelm Reich versuchte, einen triebhaften Charakter gegen an- 
dere neurotische Charaktere abzugrenzen. Er beschreibt ihn als ausgezeichnet 
durch meist nicht als krankhaft empfundene Triebhaftigkeit und durch mehr- 
weniger ungehemmtes Agieren. In wechselndem Ausmaß finden sich daneben 
neurotische Symptome und perverse Neigungen. Reich meint, die Ursache 
für die Bildung des triebhaften Charakters sei eine defektuöse Verdrängung 
durch partielle, mangelhafte Ausbildung des Über-Ichs infolge starker Ambi- 
valenz gegenüber dem Elternteil, von dem die Über-Ichbildung ausgeht. Die 
Abgrenzung gegen Alexanders neurotischen Charakter und gegen die Ver- 
wahrlosung ist unscharf. 

zwangsneurotischer Charakter (obsessional neurotic character; 
caractere obsessionnel) 

Der zwangsneurotische Charakter erklärt sich aus seiner anal-sadistischen 
Libidostruktur. Liebe und Haß halten sich in der Seele des zwangsneuroti- 
schen Charakters die Waage; seine Unsicherheit, seine Neigung zum 
Zweifel, seine Unen t s chlos senhei t im Leben erklären sich daraus. 
Der Ambivalenzkonflikt zwischen Liebe und Haß den Liebesobjekten gegen- 
über verschiebt sich auf viele seiner Handlungen, woraus die Willens- 
lähmung resultiert, und auf sein Denken, das dadurch leicht in Zwangs- 
grübeln umgewandelt wird. Der Allmacht seiner Gedanken entsprechend 
(s. d.) ist er durch Neigung zum Aberglauben ausgezeichnet. Die innere 
Unsicherheit nötigt zu Wiederholungen von Denkakten und Handlungen. 
Entsprechend der anal-sadistischen Libidoorganisation treffen wir die Trias 
des Analcharakters (s. d.) Sparsamkeit, Ordnungsliebe und Rein- 
lichkeit, oft durch die Intensität der durch diese Eigenschaften zurück- 
gehaltenen analen und sadistischen Impulse ins Groteske verzerrt im zwangs- 
neurotischen Charakter an. 



Charakteranalyse — Charakterwiderstand 69 



ChafakteranalySe (character analysis; analyse du caracfere) 
Während die Psychoanalyse als therapeutisches Verfahren im Beginne im 
wesentlichen Symptomanalyse war, d. h. vorwiegend um die Genese und damit 
die Beseitigung der Symptome sich bemühte, ist sie im Laufe ihrer Ent-t 
wicklung zunehmend Analyse der Persönlichkeit geworden und wird als eine 
Gesamtrevision aller Reaktionsweisen des Änalysanden durchgeführt. Notwen- 
digerweise sind die typischen Haltungen und Attitüden, die charakteristischen 
Äbwehrmethoden, die spezifischen Zielstrebungen, die Vorlieben und Ab- 
neigungen, kurz viel von dem, was wir dem Charakter zuschreiben, in 
diese psychoanalytische Gesamtrevision einbezogen. Dies ergibt sich daraus, 
daß das Symptom oftmals nur eine Exazerbation einer Trieb- oder Äbwehr- 
strebung darstellt, die auch in Charaktereigenschaften zutage tritt, dort leich- 
ter faßbar, eventuell korrigierbar oder sublimierbar wird, wobei dutfch solche 
Art der Bewältigung der Triebregung dem Symptom die „charakterologische 
Reaktionsbasis" (Reich) entzogen wird. Im wesentlichen Anteile ist daher 
jede therapeutische Psychoanalyse auch eine Charakteranalyse. Das Zurück- 
treten der Symptomneurosen gegenüber den pathologischen und neurotischen 
Charakteren im Laufe der letzten Dezennien hat notwendigerweise zu einer 
intensiveren Analyse der charakteriellen Haltungen und Einstellungen ge- 
führt, die den Namen Charakteranalyse verdient. 

Wilhelm Reich benennt seine psychoanalyfisch-therapeutische Technik des- 
halb „Charakteranalyse", weil er in einseitiger Weise den gesamten Charakter 
als Widerstand gegen unbewußte Triebkräfte betrachtet, welcher Widerstand 
auch gegen die Analyse sich richtet. Die Bekämpfung des Widerstandes in 
der Analyse greife damit den zentralen Kern der Persönlichkeit, eben den 
Charakter an, die Auflösung des Widerstandes komme damit einer Analyse 
des Charakters gleich. (Wilhelm Reich, „Charakteranalyse", Selbstverl. d. 
Verf. 1933.) 

Charakterologie (characterology; caracterologie) 

ist die Wissenschaft von den Charaktern. Die psychoanalytische Cha- 
rakterologie versucht vor allem eine genetische Charakterologie zu sein, 
d. h. zu ermitteln, aus welcher Triebgrundlage die einzelnen Charakterzüge 
hervorgegangen sind, resp. gegen welche Triebe sie als Abwehr dienen 
sollen, (s. Charakter.) 

Charakterwider stand (character-resistence; resisfance caracterielle) 
Als Charakterwiderstände bezeichnet Wilhelm Reich solche Widerstände 
gegen die psychoanalytische Kur, die ihr Gepräge nicht durch ihren Inhalt, 
sondern von der spezifischen Wesensart des Änalysanden erhalten. Reich 
meint, daß die Form der Abwehrreaktionen des Ichs, die in Charakterzügen 
zutage tritt, sich ebenso auf kindliche Erlebnisse zurückführen lasse wie der 
Inhalt der Symptome und Phantasien. Bei der Überwindung dieser Charak- 
terwiderstände müsse man die Halfung, das Wie der Einfälle, Träume, Fehl- 



70 



Chatcot — Clan 



leistungen, Assoziationen usw. fast noch mehr als den Inhalt zum Gegen- 
stand der Deutungen nehmen, um die hinter dem Charakterwiderstand 
steckenden Triebhaltungen zu entdecken und der Analyse zuzuführen. (R e i ch, 
Über Charakteranalyse, Z. XIV. 180 ff.) 

ChatCOt, Jean Martin (1825—1893) 

war ein französischer Nervenarzt, der den Neurosen besondere Beachtung 
schenkte und als erster tiefer nach der Ätiologie derselben forschte. Er 
stieß dabei sogar bis zur sexuellen Ursache der Hysterie vor, ohne allerdings 
seine diesbezüglichen Funde weiter auszubauen. Er brachte den Erweis der 
Echtheit und Gesetzmäßigkeit der hysterischen Phänomene, des häufigen Vor- 
kommens der Hysterie bei Männern, des Zusammenhanges zwischen hysteri- 
schen Konversionssymptomen und hypnotischen Phänomenen. Freud hat 
eine Zeitlang (1885— 86) an Charcots Klinik, an der Salpetriere in Paris, 
zugebracht und wertvolle Anregungen für seine weiteren Studien dort 
empfangen. 

Chemismus 'der SexUalvOfgänge (chemistry of sexual processes; 
chimisme des Processus sexuels) 

Freud nimmt an, daß den Sexualvorgängen ein nur ihnen eigener Stoff von 
bestürmter chemischer Zusammensetzung zugrundeliegt, durch den sie sich 
von anderen Triebäußerungen unterscheiden. Der Chemismus der Sexualvor- 
gänge ist allerdings noch nicht erforscht, &. h. der spezifische chemische Stoff» 
der den Sexualvorgängen zugrundeliegt, ist noch nicht gefunden. 

Chorea (chorea; choree) 

heißt auf griechisch Tanz. Im Mittelalter traten epidemieartig wahrscheinlich 
hysterisch bedingte Anfälle auf, in welchen die Erkrankten tanzartige Bewe- 
gungen machten. Da St. Veit als Schutzhelfer dagegen galt, nannte man sie 
Chorea Sancti Viti (Veitstanz). Chorea m a i o r ist eine nicht mehr 
übliche Bezeichnung für hysterische Anfälle und für Hysterie schlechtweg. Die 
Chorea minor besteht in einer wahrscheinlich rheumatischen Schädigung 
gewisser Hirnzentren und äußert sich durch koordinierte unwillkürliche 
Muskelzuckungen besonders bei beabsichtigter Bewegung. Auch psychoseähn- 
liche Zustände können damit verbunden sein. 

chronisch (chronic; chronique) 

Als chronisch bezeichnet man solche krankhafte Zustände, die sich über lange 

Zeit hin erstrecken. Die Neurosen sind meist solche chronische Erkrankungen. 

Clan 

Als Clan bezeichnet man eine Stammesgemeinschaft der Primitiven, in der 
Totemismus (s. d.) und E x o g a m i e (s. d.) herrschend sind. Ursprüng- 
lich stammt die Bezeichnung von den Stammesverbänden des schottischen 
Hochlandes, deren Mitglieder von einem Stammesvater abzustammen glaubten. 



Clitoris — Coitus per anum 71 



CHtoriS (clitoris; clitoris) 
s. Klitoris. 

CoitllS (copulation, coitus; coit) 
s. Koitus. 

Coitus a tergo 

heißt die Art des Geschlechtsverkehres, bei der das männliche Glied von 
trückwärts her in die Scheide eingeführt wird. Dies kann in Seitenlage sowie 
in Knieellenbogenlage der Frau geschehen. Da letztere Art der geschlechtlichen 
Vereinigung bei den höheren Tieren gleicht, wird sie auch als Coitus 
„more ferarum" (nach Art der Tiere) bezeichnet. Die Ausübung des Geschlechts- 
verkehrs von rückwärts ist, wenn er nicht zur Äusschließlichkeit erhoben wird, 
nicht als pervers zu bezeichnen, sondern gehört zu den Variationen innerhalb 
der Breitengrenze des Normalen. Sie wird von anal veranlagten Personen be- 
vorzugt, da sie Gelegenheit bietet, anale Triebtendenzen zu befriedigen. 
Auch latente homosexuelle Triebkomoponenten kommen bei dieser Art des 
geschlechtlichen Verkehres zur Mitbefriedigung. 

Coitus inter femora 

heißt die Ausübung des Sexualverkehres in der Art, daß das Glied nicht in 
die Scheide, sondern nur zwischen die Oberschenkel des Sexualpartners ge- 
bracht wird und dort die Friktionen ausgeübt werden. 

Coitus interruptus 

heißt unterbrochener Beischlaf. Der unterbrochene Beischlaf wird meist so 
ausgeübt, daß der Mann vor der Ejakulation das Glied aus der Scheide 
zieht, so daß die Ejakulation nicht oder außerhalb der Scheide erfolgt. Der 
Coitus interruptus erfolgt zum Zwecke der Empfängnisverhütung oder aus 
neurotischen Motiven. Die Anwendung dieser Technik des Sexualverkehres 
ist entschieden zu widerraten; beim Manne wie bei der Frau können daraus 
ernstliche nervöse Störungen sich ergeben. Beim Mann ist der natürliche 
Libidoablauf durch die aktive Willensanstrengung im Änsatzmomente der 
maximalen Lust gestört, die Frau erreicht häufig infolge des vorzeitigen Ab- 
bruchs der Friktionen den Orgasmus nicht und ihre Erregung bleibt ohne 
psychosomatische Entspannung. So ist der Coitus interruptus als ernste 
sexuelle Schädlichkeit zu bezeichnen. Er ist eine der häufigsten Ursachen der 
Angstneurose (s. d.). 

Coitus more ferarum 

s. Coitus a tergo. 

Coitus per anum 

ist der Geschlechtsverkehr unter Einführung des Gliedes in den After. Der 
Coitus per anum ist nicht selten, besonders bei gewissen Völkern, die Art 
wie unerwünschter Kindersegen verhindert wird. Er bietet Gelegenheit zur 



72 



condition seconde — Cunnilingus 



Befriedigung analer und latenter homosexueller Triebregungen. Der Sexual- 
verkehr manifester Homosexueller findet häufig per anum statt. 

Condition Seconde (condition seconde, seoond consciousness; condition 
seconde, etat seoond) 

Den durch Spaltung entstandenen pathologischen Anteil bei doppeltem Be- 
wußtsein bezeichnen die französischen Autoren als condition seconde (s. B e- 
wußtseinsspaltung). 

COnscience ('conscience', consciousness; conscience) 

ist das französische Wort für Bewußtsein. Als d o üble conscience bezeichnet 
man das Phänomen des doppelten Bewußtseins (s. Bewußtseins- 
spaltung). 

CoueisniUS (coueism; coueisme) 

Von dem französischen Apotheker Coue aus Nancy (1857 — 1926) ging ein 
psychotherapeutisches Heilverfahren aus, das er „Selbstbemeisterung" nannte; 
nach seinem Urheber wird es auch Coueismus benannt. Das Verfahren besteht 
darin, daß man dreimal täglich In Einsamkeit zwanzigmal hintereinander die 
Formel spricht: „Mit jedem Tag geht es mir immer besser und besser." Die 
Hellwirkung gelte für organische wie für psychische Leiden. Das Verfahren 
erregte viel Aufsehen, fand zahlreiche Anhänger, ist aber nunmehr wie eine 
Mode wieder verschwunden. Karl Abraham hinterließ das Manuskript 
eines Aufsatzes über den Coueismus, in dem er seine Wirkungen einer analy- 
tischen Betrachtung unterzieht. Sie beruhen darauf, daß durch das Verfahren 
der Hilfsbedürftige aus einem Einzelindividuum in einen Massenbestandteil 
verwandelt wird. Führer dieser Masse ist Coue oder einer der Propagato- 
ren des Verfahrens. Der Leidende wird wie jedes Massenmitglied gläubig, 
suggestibel, geneigt, sich psychisch umformen zu lassen (s. Masse). Er wird 
aufgefordert, sich mit dem Führer, unbewußt also mit dem Vater, zu identifi- 
zieren, an seinem „Mana", seiner Zauberformel teilzuhaben, ohne daß ihm der 
libidinöse Charakter dieses Vorganges bewußt wird. Gleichzeitig handelt es sich 
um einen narzißtischen Vorgang, um eine Regression auf die Stufe der Ä 1 1- 
!tn a ch t (s. d.) der Gedanken und Wünsche. Die Wirkung des Verfahrens be- 
ruht also auf einer Steigerung des Selbstgefühles und auf der Zuwendung der 
Libido, die dabei den Symptomen entzogen wird, auf den imaginären Führer. 
(Abraham, Psychoanalytische Bemerkungen zu Coues Verfahren der Selbst- 
bemeisterung, Z. XII. 131.) 

Cunnilingus (eunnilinetus; eunnilinguisme) 

bezeichnet die leckende Berührung des weiblichen Genitales zum Zwecke der 
geschlechtlichen Befriedigung. Es werden dabei neben genitalen auch orale 
Triebtendenzen befriedigt. Aber auch die unbewußte Vorstellung vom Saugen 
an einem verborgenen Penis im oder am Geschlechtsteil der Frau spielt beim 
Cunnilingus eine Rolle. 



Dämmerzustand— Dämonenglaube 



75 



D 



Dämmerzustand (twiläght State; etat crepusculaire) 

Als Dämmerzustand bezeichnet man eine zeitlich mehr minder scharf be- 
grenzte Veränderung der Beziehung zur Realität dahingehend, daß die äußere 
Situation anders als es ihr entspricht erfaßt und systematisch verfälscht wird. 
Diese fehlerhafte Verarbeitung der Realität kann in ihrem Ausmaß ver- 
schieden groß sein; so kann noch Orientierung vorhanden und zielgerechtes 
Handeln möglich sein. In schweren Fällen andererseits ist die Orientierung 
gestört, sind die Wahrnehmungen halluzinatorisch, das Handeln anscheinend 
unsinnig und gewalttätig. Nach Aufhören des Dämmerzustandes, der wenige 
Minute.! bis einige Tage, selten Wochen andauern kann, besteht für die darin 
vorgefallenen Erlebnisse meist keine Erinnerung. Psychologisch betrachtet 
stellen viele Dämmerzustände das Resultat einer Rückziehung der Besetzungs- 
energien von den Wahrnehmungen der Außenwelt dar. Diese Rückziehung der 
Besetzung tritt ein, wenn die Wahrnehmung der Außenwelt unerträgliche 
Unlustquantitäten einbrächte. Dieser Art sind z. B. die Dämmerzustände bei 
Hysterie. Andere Dämmerzustände sind organisch bedingt, so bei Epilepsie, 
nach Vergiftungen. Meist sind die organisch bedingten Dämmerzustände durch 
Benommenheit gekennzeichnet. 

Dämonenglaube (belief in demons; croyanoe aux demons) 
Völker auf einer bestimmten primitiven Stufe der geistigen Entwicklung 
glauben ihrem magischen Denken entsprechend alles Unglück, jeden Todes- 
fall, jede Krankheit, jede Katastrophe, jeden üblen Zufall durch Dämonen 
verursacht. Ihrer Psychogenese nach sind die Dämonen nichts anderes als die 
Projektionen feindseliger Gefühle in die Außenwelt. Als Dämonen gelten 
stets die Geister kürzlich Verstorbener. Entsprechend der primitiven 
seelischen Struktur sind alle affektiven Einstellungen zu Objekten durch hoch- 
gradige Ambivalenz (s. d.) ausgezeichnet. Die ambivalenten Gefühle 
gegen die Toten erleiden verschiedene Schicksale, indem die zärtlichen Re- 
gungen im Ich erhalten bleiben, während die feindseligen aus der inneren 
Wahrnehmung in die Außenwelt geworfen werden. Sie lösen sich von der 
eigenen Person los und werden den Toten zugeschoben. Dieser Prozeß der 
Projektion der eigenen Feindseligkeit auf den Toten, der nun als Dämon 
Unglück zufügt, dient dabei der Erleichterung des Schuldgefühles, das wegen 
der eigenen Feindseligkeit gegen den Verstorbenen rege ist. — Die Tabu- 
vorschriften der Primitiven entsprechen der Angst vor den rächenden Dä- 
monen, letzten Endes also der Angst vor der eigenen feindseligen Einstellung. 
Im Aberglauben, in manchen religiösen Vorstellungen (Totenkult), in ge- 
wissen Einstellungen zum „Schicksal" (Schicksalsrache) sind ähnliche Mecha- 
nismen wirksam wie im Dämonenglauben. 



74 



Darm — Debilität 



Darm (intestinal canal; intestins) 

Der Ausgang des Darmes, d. h. das letzte Stück des Mastdarms und der After, 
ist eine exquisit erogene Zone (s. a. Analerotik). Aber auch der übrige 
Darm ist mit Libido besetzt; er dient häufig als Ausdrucksmittel des Unbe- 
wußten (Organsprache) und ist oft durch libidinöse Vorgänge, die sich an ihm 
abspielen, in seiner Funktion beeinflußt oder gestört. 

Darsfefflbarkeit, Rücksicht auf (consideration of suitability for plastic 

representation; egard ä la possibilite de figuration) 

Wenn durch die Traumarbeit die latenten Traumgedanken in den manifesten 
Traum umgewandelt werden (s. Traum), dann spielt bei der Auswahl jener 
Elemente, die in den manifesten Traum aufgenommen werden, die Rücksicht 
auf die Darstellbarkeit eine wichtige Rolle. Da das Traumbild Gedanken zur 
visuellen Darstellung bringen muß, werden aus der Fülle des Materials 
solche Elemente für den manifesten Traum gewählt, die b il d h a f f -kon- 
kret und dadurch der visuellen Darstellung zugänglich sind. Unter den ver- 
schiedenen Änknüpfungsmöglichkeiten an die wesentlichen Traumgedanken 
werden jene gewählt, welche eine bildliche Darstellung erlauben. Es wird 
sodar bisweilen ein latenter Traumgedanke in eine andere sprachliche Form 
umgewandelt, damit von dieser aus eine bildhafte Darstellung möglich wird. 
Die Traumarbeit trachtet womöglich mehrere latente Traumgedanken durch 
ein bildhaftes Element im manifesten Traum vertreten zu lassen. Auch auf 
diese Verdichtung (s. d.) nimmt die Wahl des bildhaften Elementes 
Rücksicht. 

Datierspur (permanent trace; remanence, trace mneslque, engramme) 
Es muß angenommen werden, daß jede innere oder äußere Wahrnehmung 
eine dauernde Veränderung im psychischen Apparat setzt. Diese dauernde 
Veränderung, über deren Art wir keinerlei nähere Vorstellung besitzen, 
nennen wir Dauerspur oder Engramm (s. d.). Die Dauerspuren werden in 
eigenen psychischen Systemen, die wir Erinnerungssysteme (Er-Systeme, s. 
Erinnerung) nennen, unzerstörbar aufbewahrt. Ob ein Vorgang bewußt 
erinnert wird, hängt nicht nur von der Höhe der Energiebesetzung de» 
Dauerspur ab, sondern auch davon, ob der Weg zum System Bw frei ode-r 
durch Widerstand (Gegenbesetzung) gesperrt ist. In letzterem Falle ist die 
Erinnerung unbewußt, aber bei entsprechender Höhe der Besetzung der 
Dauerspur trotzdem psychisch wirksam. 

Im System Bw (s. d.) setzen die Vorgänge keine Dauerspur. An ihre Stelle 
tritt das Phänomen des Bewußtwerdens. 

Debilität (slight feeblemindedness; debilite mentale) 

bezeichnet einen geringen Grad intellektueller Unterwertigkeit. Die Debilität 

beruht auf organischer Basis. 






Deckerinnerung — Defloration 75 



Von der echten Debilität zu unterscheiden ist die durch psychische Be- 
handlung heilbare Pseudodebilität (s. d.), bei der die schein- 
bare, gespielte intellektuelle Unterwertigkeit dem Ausweichen vor einem psy- 
chischen Konflikt, der Triebabwehr und dergl. dient und die daher den 
Neurosen zugerechnet werden muß. 

DeckerilUieruni* (screen memory; souvenir-ecran) 

Als Deckerinnerung bezeichnet die Psychoanalyse eine Erinnerung, die nicht 
um des bewußten, manifesten Inhalts willen, sondern der Beziehung zu einem 
anderen, unterdrückten, unbewußten Inhalt wegen im Gedächtnisse aufscheint. 
Die meisten Erinnerungen aus früher Kindheit sind solcher Art. Sie über- 
raschen durch den indifferenten und banalen Inhalt, von dem aus es un- 
verständlich ist, warum gerade dieses unscheinbare, belanglose Ereignis der 
Kinderzeit im Gedächtnis bewahrt bleibt, während die wichtigsten, von star- 
ken Affekten begleiteten, für alle Zukunft wirksamen Erlebnisse der Kinder- 
zeit spurlos daraus verschwunden sind. Wenn solche Deckerinnerungen einer 
Analyse unterzogen werden, so zeigt es sich, daß sie ihre Erhaltung im Ge- 
dächtnis nicht ihrem manifesten Inhalf verdanken, sondern vielmehr der 
assoziativen Beziehung ihres Inhaltes zu einem anderen verdrängten, hoch- 
bedeutsamen Erlebnis, dessen direkte Reproduktion durch intensive Wider- 
stände gesperrt ist. Die Deckerinnerungen sind Kompromißbildungen. "Pein- 
licher Affekte wegen wird ihre Reproduktion des bedeutsamen affektiven Er- 
eignisses abgewehrt, Triebwünsche andrerseits, die mit dem Erlebten in Ver- 
bindung stehen, wollen dasselbe zur Reproduktion bringen; das Resultat ist, 
daß die Erinnerungsfähigkeit auf Indifferentes verschoben wird, das assoziativ 
mit dem Belangreichen, eigentlich zu Erinnernden verknüpft ist. Dabei ist die 
Grundlage des manifesten Inhalts der Deckerinnerung wirklich Erlebtes; fast 
immer aber ist dieser reale Bestand des manifesten Inhalts einer Deckerinne- 
rung einer Bearbeitung unterzogen worden. So werden Situationen an 
andere Orte verlegt, Personen miteinander verschmolzen oder vertauscht, 
zwei Erlebnisse in eines verdichtet, u. dgl. m. Diese Bearbeitung hat manches 
mit der Traumarbeif gemeinsam (s. Traum). Daß man in den frühen Kind- 
heitserinnerungen regelmäßig wie ein Beobachter von außen, die eigene 
Person als Kind sieht, ist ein Zeichen der Gegenüberstellung von handelndem 
und erinnerndem Ich und eine Folge der Überarbeitung, die der ursprüng- 
liche Eindruck erfahren hat. 

Defäkation (defaecaüon; defecafion) 

ist der lateinische Ausdruck für die Absetzung des Stuhles. 

Defloration (defloration; defloration) 

Als Defloration bezeichnet man die gewaltsame Zerreißung des Hymens, zu 
deutsch Jungfernhäutchens, einer Schleimhautfalte mit bindegewebiger Grund- 
lage, die von den Ränidern des Scheideneinganges ausgeht und diesen bis 



76 



Degeneration — degenere 



auf eine kleine Öffnung verschließt. Die Defloration wird meist beim ersten 
Sexualakt durch das Glied des Mannes vorgenommen. Sie bedeutet für die 
Frau eine schwere narzißtische Kränkung. Die blutige Zerstörung eines 
Organs in der Genitalgegend aktiviert den Kastrationskomplex (s. d.); die 
Folgen sind aggressive Tendenzen gegen den Mann, die für die Frau den 
Genuß bei der ersten oder bei den ersten Kohabitationen, in pathologischen 
Fällen dauernd, verhindern. Diese feindseligen Gefühle werden von den Pri- 
mitiven gefürchtet, daher die Defloration bei ihnen nicht vom Gatten, sondern 
vom Priester oder von einem anderen Mann instrumenteil oder durch den 
Koitus vorgenommen wird. Es sollen damit die feindseligen Gefühle vom 
Gatten abgelenkt werden. (Helene D e u t s ch, Psychoanalyse der weiblichen 
Sexualfunktionen: Der Defloration sakt. 1925.) 

Degeneration (degeneraäon; degenerescence) 

Als Degeneration oder Entartung bezeichnet man allgemein eine erbliche un- 
günstige Abänderung der Artung. Diese äußert sich in erster Linie in der 
mangelhaften Funktionstüchtigkeit der Organe und in der herabgesetzten 
Vitalität des psychophysischen Gesamtsystems. Degenerierte Individuen sind 
nach dieser Begriffsbestimmung solche, die eine erhöhte Krankheitsbereit- 
schaft im allgemeinen und eine besondere Neigung zu erblich-degenerativen 
Erkrankungen aufweisen; sie zeichnen sich durch Widerstandsschwäche gegen- 
über Schädlichkeiten, durch Labilität des psychophysischen Systems, durch 
mangelhafte Anpassungsfähigkeit gegenüber den allgemeinen und durch- 
schnittlichen Lebensbedingungen aus. Als Ursache wird eine Schädigung des 
Keimgewebes angenommen, dessen Ursache meist unbestimmt ist. (K. Birn- 
baum, Handwörterbuch der med. Psychologie: „Entartung".) 

Mit dem Begriff der Degeneration wurde um die Wende des Jahrhunderts 
besonders auf neuropathologischem und kriminologischem Gebiet viel Miß- 
brauch getrieben. Man versuchte, die Erscheinungen der Neurose, der Psy- 
chose und der Perversion sowie der Kriminalität durch Degeneration zu er- 
klären. Diese Erklärung ist unhaltbar, weil die genannten pathologischen 
Phänomene in vielen Fällen heilbar sind, während Äußerungen der Degene- 
ration als eines angeborenen Zustandes nicht zum Schwinden gebracht werden 
können. Vielfach zeigt es sich, daß Neurose oder Perversion an einem 
Individuum gefunden werden, das keinerlei degenerative Merkmale aufweist, 
ja daß hervorragende Menschen, die in ihrer Leistung oder in ihrem ethischen 
Wert weit über dem Durchschnitt stehen, an Neurose erkranken können oder 
eine perverse Regung aufweisen. Die ältere Psychopathologie suchte durch den 
Begriff des „höheren Degenerierten" (degenere superieur) das Erklärungs- 
prinzip der Degeneration auch für diese Fälle aufrecht zu erhalten. Die mo- 
derne Psychopathologie hat das Erklärungsprinzip der Degeneration ver- 
lassen, resp. zurückgestellt, bis weitere Fortschritte in der medizinischen Ver- 
erbungslehre eine eindeutigere Anwendung erhoffen lassen. 

degenere 

s. Degeneration. 



Dejä entendu — Dementia paranoides 77 

Dejä entendu 
Dejä eprouve 
Dejä raconte 
Dejä vu 

s. fausse reoonnaissance. 

delire de toucher 

franz. für Berfihrungsf archf s. Berührung. 

Delirium (delirium; delire) 

Als Delirium bezeichnet man psychische Äusnahmszustände von raschem Ver- 
lauf, in denen Halluzinationen und Wahnideen auftreten und das Denken 
unzusammenhängend ist. Die Aktivität ist im Delirium meist erhöht. Delirien 
treten meist als psychische Begleiterscheinung organischer Krankheiten auf, 
so bei Infektionen, Fieberzuständen, Vergiftungen. Deliriöse Zustände finden 
sich aber auch bei Schizophrenie. Viele Delirien sind deutlich im Sinne 
halluzinatorischer Wunscherfüllung als sinnvoll zu erkennen. Das Delirium 
acutum ist eine jetzt seltene, auf Infektionen oder schizophrenen Prozessen 
beruhende Hirnkrankheit. 

Als z w a n g s n e u r o t i s ch e s Delir bezeichnet Freud eigentümliche 
psychische Bildungen, die bei zwangsneurotischen Personen im Äbwehrkampf 
gegen Zwangsvorstellungen entstehen. Es sind dies nicht rein vernünftige 
Erwägungen, die den Zwangsgedanken entgegengesetzt werden, sondern das 
Gegenargument muß gewissermaßen in die Form der zwangsneurotischen Vor- 
stellungen gebracht werden, um wirksam zu sein. Beispiel aus Freud (Be- 
merkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Ges. Sehr. Bd. VIII., S. 328): 
Als Kampfmittel gegen das nächtliche Auftreten von Zwangssymptomen sucht 
ein Patient sich mit der Mahnung zurechtzubringen, was wohl sein verstor- 
bener Vater dazu sagen würde, wenn er noch am Leben wäre. Aber dieses 
Argument hat keinen Erfolg, solange es in dieser vernünftigen Form vorge- 
bracht wird; seine ihm selbst unverständlichen Zwangshandlungen kommen 
erst zum Stillstand, nachdem er diese Idee in die Form eben einer deliriösen 
Drohung gebracht hatte: wenn er diesen Unsinn noch einmal vollführe, werde 
dem Vater im Jenseits ein Übel zustoßen. Es ist also die vernünftige Über- 
legung, damit sie als Argument und Hemmung gegenüber den Zwangsvor- 
stellungen wirksam v/erde, diesen angeglichen worden, was eben nach Freud 
sie zum zwangsneuroüschen Delir werden läßt. 
Delirium, alkoholisches, s. Alkohol. 

Dementia paranoides (paranoid dementia; demence paranoide) 

ist dauernde intellektuelle Unterleistung. Sie hat organische Ursachen oder 

ist der Ausgang schizophrener oder epileptischer Erkrankung. 



78 



Dementia praecox. — Denken 



Dementia praecox 

s. Schizophrenie. 



Demenz (dementia; demence) 

ist dauernde intellektuelle Unterleistung. Sie hat organische Ursachen oder 

ist der Ausgang schizophrener oder epileptischer Erkrankung. 

Denken (thought; pensee) 

Als Denken bezeichnen wir Vorgänge im psychischen Apparat, die zwischen 
Wahrnehmung und Bedürfnis einerseits und Handlung andererseits einge- 
schaltet sind. Voraussetzung des Denkens ist das Vorstellen, welches darin 
besteht, daß einmal Wahrgenommenes wieder seelisch gegenwärtig gemacht, 
reproduziert wird, wobei das ursprünglich wahrgenommene Objekt nicht mehr 
vorhanden zu sein, braucht. Inhalt des Denkens sind vor allem die R e 1 a t i o- 
nen zwischen den Objektvorstellungen; das Denken geschieht dabei energe- 
tisch als Verschiebung kleiner Besetzungsquantitäten, gewissermaßen als 
intrapsychisches Probehandeln und geht mit einer Energieabfuhr einher. Wenn 
diese auch gering ist, so ermöglicht sie doch dem seelischen Apparat das Er- 
tragen der erhöhten Energiespannung, die aus dem Aufschub des Handelns- 
resultiert, den das Denken verursacht. 

Das Denken verläuft ursprünglich unbewußt, wahrscheinlich weil es in 
Systemen abläuft, die von den ursprünglichen Wahrnehmungsresten so weit 
entfernt sind, daß sie von deren Qualitäten nichts mehr erhalten haben; zum 
Bewußtwerden des Denkens bedarf es des Hinzutretens neuer Besetzungs- 
qualitäten in Form der Worfvorstellungen, die aus der Hörsphäre stammen. 
Die zwischen den Objektvorstellungen möglichen Relationen, die einen 
Hauptanteil des Denkens ausmachen, sind ausschließlich an Wortvorstellungen 
gebunden, da ihnen keine ursprüngliche Qualität aus der Wahrnehmung zu- 
kommt. In den wesentlichsten Anteilen und der Hauptsache nach geschieht 
also das Denken in und an Worten. 

Das Denken ist gewissermaßen nur ein Umweg von der Befriedigungs- 
erinnerung bis zu einer der Erinnerung identischen Besetzung, die durch die 
vom Denken geleitete Handlung erreicht werden soll. Dabei ist es notwendig, 
daß das Lust-Unlustprinzip (s. d.) ausgeschaltet wird, das dem Primärvorgang 
(s. d.) entsprechend nach einer direkten Wiederbesetzung der Befriedigungs- 
erinnerung, die wir Wahrnehmungsidentität nennen, eventuell auf 
halluzinatorischem Wege abzielt; an Stelle des Lust-Unlust-Prinzips hat 
im Denken die Rücksicht auf die Realität, aus der reale Befriedigung 
gewonnen werden soll, eine entscheidende Rolle zu spielen (s. Realitäts- 
prinzip). Die so zum Zwecke der Regulation der Handlungen unter den Regeln 
des Sekundärvorganges (s. d.) und unter Rücksichtnahme auf die 
Realität probeweise vorgenommene Wiederbesetzung der Befriedigungserinne- 
rung nennen wir Denkidentität. 




Denkidentität — Depression 79 



Das Denken gehört zu den späten Erwerbungen des psychischen Apparates. 
Es wird verhältnismäßig leicht und häufig durch Einbrüche des Lust-Unlust- 
Prinzips gestört; die Denkresultate entsprechen dann nicht der Realität, 
sondern unseren Wünschen und sind daher fehlerhaft. 

Als Sexualisierung des Denkens bezeichnet man den bei Zwangs- 
neurotikern häufigen Vorgang, daß die sexuelle Lust, die sich sonst auf den 
Inhalt des Denkens bezieht, auf den Denkakt selbst gewendet wird. Die Er- 
reichung eines Denkergebnisses wird dadurch in hohem Maße als sexuell be- 
friedigend empfunden. Den Gedanken wird dann die Macht des Handelns zu- 
geschrieben (s. Allmacht der Gedanken); das Denken selbst aber wird 
dabei z w a n g h a f t; ein Verbot der sexuellen Lust, die dabei aus dem Denken 
gezogen wird, kann in der Folge zum Denkverbot oder zur Denk- 
hemmung werden. 

Denkidentität (thought-identity; identite de pensee) 
s. Denken. 

Denkveribot (prohibition of thought; prohibition de penser) 
s. Denken. 

Depersonalisation (depersonalisation; depersonnalisation) 
wird meist als Synonym für Entfremdung (s. d.) gebraucht. Man sollte 
aber den Begriffsinhalt der Depersonalisation nur für jene Entfremdungszustän- 
de gebrauchen, die die eigene Person betreffen, so daß Entfremdung der weitere 
und höhere Begriff wäre, der sämtliche Entfremdungsgefühle, also die der 
eigenen Person wie die der Äußenweltswahrnehmung umfaßt. Diese Scheidung 
aber wird im allgemeinen in der Literatur nicht durchgeführt. 

Depression (depression; depression) 

Als Depression bezeichnet man einen Zustand von gedrückter Stimmung, 
einhergehend mit Erniedrigung des Selbstgefühls und mit Mangel an Ent- 
schlußfähigkeit und an Willensantrieben. Sonst freudig wirkende Erregungen 
sind in der Depression unwirksam, unliebsame Vorkommnisse erregen in er- 
höhtem Maße Unlust. Die normale Trauer als Reaktion auf einen Objekt- 
verlust versetzt den Trauernden in einen Depressionszustand. Als neurotisch 
bezeichnen wir eine Depression dann, wenn die Intensität und Dauer der- 
selben den Anlaß übersteigt, oder wenn ein Anlaß für das Auftreten der 
Depression in der Realität überhaupt fehlt. Die manisch-depressive Erkran- 
kung zeichnet sich aus durch das periodische Auftreten depressiver Anfälle, 
eventuell bis zur Melancholie (s. d.) gesteigert, meist in regelhaftem Wechsel 
mit manischen Zuständen. 

Es ergibt sich bei der psychoanalytischen Erforschung neurotischer Depres- 
sionen, daß auch sie, wie es die Ähnlichkeit des Zustandsbildes mit der 
Trauerreaktion des Normalen vermuten läßt, fast regelmäßig die Reaktion 
auf eine Störung in der Objektbeziehung darstellen. Häufig stammt diese 



80 



Desexualisierung — Determinismus 



Störung aus einem Ambivalenzkonflikt und kommt durch ein Überwiegen der 
Haßregungen über die Liebesregungen zustande. Der Genese, aber auch den 
Mechanismen nach, besitzt die neurotische Depression zahlreiche Züge gemein- 
sam' mit dem melancholischen Zustandsbild, nur ist die Regression auf die 
orale Stufe nicht so ausgedehnt, der Ambivalenzkampf und das Schuldgefühl 
nicht so heftig, der psychotische Realitätsverlust bleibt aus. Neurotische De- 
pressionen sind durch psychoanalytische Behandlung beeinflußbar. 

DeSexUalisieriing (desexualisation; desexualisation) 

Wird eine sexuelle Triebstrebung von ihrem direkten Ziele abgelenkt, so spre- 
chen wir von Desexualisierung dieser Triebstrebung. Jede Sublimierung 
(s. d.) bedeutet eine solche Desexualisierung für die sublimierte Sexualregung, 
aber auch die Umwandlung objektlibidinöser Strebungen in narzißtische, wie 
sie etwa bei der Identifizierung statt hat, geht mit einer Desexualisierung der 
objektlibidinösen Strebungen einher. Die Desexualisierungsfähigkeit ist ein 
Teil der Plastizität (s. d.) der Sexualtriebe. Die desexualisierte 
Libido steht dem Ich für mannigfache Zwecke zur Verfügung, besonders 
wenn die Desexualisierung so weit geht, daß die daraus resultierende Trieb- 
energie zu indifferenter und qualitätsloser, verschiebbarer Besetzungsenergie 
wird. Das Denken (s. d.) geht mit Hilfe solcher völlig desexualisierter Libido 
vor sich. 

Desfrudo 

Edoardo Weiss schlägt vor, die Energie des Todes- oder Destruktions- 
triebes Desfrudo zu nennen, in Analogie zu Libido, wie wir die Energie 
des Liebes- oder Sexualtriebes bezeichnen. (Edoardo Weiss, Todestrieb 
und Masochismus, I. XXI. 393 ff.) 

Destrutkfionsfrieb (destructive instinct; instinct de destruction ou pulsion 
destructive) 

heißt Zerstörungstrieb. Die letzten Auffassungen Freuds über die Triebe 
gehen dahin, daß zwei Urtriebe angenommen werden; der eine strebt nach 
Vereinigung, Aufbau, Bindung, Verschmelzung, er erhält das Leben und 
schafft es neu und wird als Lebens- oder Liebestrieb (Eros) bezeichnet. Der 
andere ist die Ursache unseres Alterns und Sterbens, sein Ziel ist Zer- 
störung, Abbau, Vernichtung, er heißt daher Todestrieb oder Destruk- 
tionstrieb. Der Destruktionstriöb wird vom eigenen Organismus abge- 
lenkt und mit Eros gemengt der Außenwelt zugewendet, wo er als Ä g g r e s- 
sionstrieb (s. d.) zur Auswirkung kommt. Er kann auch aus der Außen- 
welt sekundär dem Ich wieder zugewendet und an ihm wirksam werden (se- 
kundäre Destruktion) (s. a. Todestrieb). 

Determinismus (determinism; determinisme) 

ist der Name für die Lehre, daß Handeln und Wollen dem Kausalgesetze 

unterworfen, und zwar durch äußere und innere Ursachen bedingt seien. Der 



Detumeszenz — Diagnose 81 






psychologische Determinismus ist die Grundlage der wissenschaftlichen Psy- 
chologie. Erst durch die Psychoanalyse allerdings ist die Determination, d. h. 
die Bestimmtheit oder Bedingtheit, auch des Psychischen vollkommen 
erweisbar, da es erst durch das psychoanalytische Verfahren möglich ist, auch 
die unbewußten Motive der seelischen Regungen aufzudecken. 

Defumeszenz (detumescence; detumescenoe) 

A. Moll zerlegt den Seüxaltrieb in zwei Komponenten, in den Kontrekta- 
tionstrieb, dessen Ziel die Haut- und Schleimhautberührung ist und in den 
Detumeszenztrieb, dessen Ziel die Detumeszenz, d. h. das Abschwellen, also die 
Rückkehr der erregten erogenen Zone zum unerregten Normalzustand ist. 
Von dieser Unterscheidung des Sexualtriebes, die wohl vor allem von den 
genitalen Triebstrebungen genommen ist, wurde in der Psychoanalyse kein 
Gebrauch gemacht. 

Deutung (Interpretation; Interpretation, signification) 

Freud nennt deuten einen verborgenen Sinn finden. D. h. aus den 
Äußerungen, besonders den Einfällen wird der unbewußte Zusammenhang er- 
raten, aus dem jene Äußerungen entstanden sind, in den sie „gehören". Der 
neue verborgene „Sinn" der psychischen Erscheinungen, den die Psycho- 
analyse sucht, ist funktionell oder g e n e t i s eh. Die Psychoanalyse 
unterscheidet sich dadurch von anderen psychologischen Schulen, wie z. B. von 
der Individualpsychologie, die finale Deutungen bevorzugt, oder von philo- 
sophischer Psychologie, die Sinndeutungen des Lebens vornimmt. Eine funk- 
f^oielle Deutung ist es z. B., wenn die Träume als Wunscherfüllungen auf- 
gefaßt werden, ihnen also eine Funktion im Ganzen der Person erteilt wird. 
Eine genetische Deutung ist es, wenn ein bestimmtes Verhalten, besonders in 
der Übertragung während der psychoanalytischen Kur, als Wiederholung 
eines vergessenen Kindheitserlebnisses aufgefaßt wird. Bei der Deutung ver- 
fährt der Analytiker nicht willkürlich und rein intuitiv, sondern folgt dabei 
Kriterien, deren Methodologie und Logik freilich noch nicht zusammenfassend 
publiziert ist. (Siehe außer den verstreuten Bemerkungen bei Freud, Ludwig 
Binswanger, Erfahren, Verstehen, Deuten in der Psychoanalyse, I. XIL, 
223. Siegfried B^rjafel d, Über den Begriff der Deutung, Zeitschrift für ange- 
wandte PsychologieTS. 42, 1932.) 

Die therapeutische Wirkung der Deutung beruht auf den Ich-Veränderungen, 
die die Annahme der Deutung und die damit verbundene Erweiterung des 
Bewußtseins zur Folge hat. (Siegfried B e r n f e 1 d.) 

Diagnose (diagnosis; diagnostic) 

bezeichnet die Erkennung und Benennung einer Erkrankung. Die Stellung der 
Diagnose ist deshalb von besonderer Wichtigkeit in der wissenschaftlichen 
Medizin, weil die therapeutischen Maßnahmen für einen Fall und die Prognose 
von der Diagnose abhängen. Auch bei p s y ch i s ch e n Erkrankungen ist die Er- 
mittlung der Diagnose von weittragender Bedeutung. Soll bei einer Neurose 

Dr. Sterba: Handwörterbuch. k 



82 



Dichtet — Dirne 



eine psychoanalytische Therapie eingeleitet werden, so ist die diagnostische 
Abgrenzung gegenüber der Psychose sehr wichtig, weil bei Psychosen entweder 
die psychoanalytische Therapie zu vermeiden ist oder nur sehr modifiziert an- 
gewendet werden darf. Auch die diagnostische Abgrenzung der einzelnen Neu- 
rosenformen ist von Wichtigkeit, da die Prognose des Falles davon abhängt 
und gewisse technische Maßnahmen der therapeutischen Analyse für be- 
stimmte Neurosenformen angewendet werden. Die Diagnose der neurotischen 
und psychotischen Erkrankungen, besonders der Änfangsstadien der letzteren, 
ist oft schwierig und manchmal erst im Laufe der psychoanalytischen Be- 
handlung möglich. 

Dichtet (poet, imaginative writer; poete) 

sind Menschen, denen es gelingt, vermöge ihrer Begabung ihre Wunsch- 
phantasien in sprachlichem Material so zu gestalten, daß diese Phantasien für 
andere mitgenießbar werden. Zu diesem Zwecke müssen die Phantasien weit- 
gehend des Subjektiven entkleidet und entstellt werden. Ästhetische Momente 
an der Formung des Materials müssen durch ihr Lustmoment andere Lust- 
quellen entbinden, die an sich verboten wären, weil sie den verpönten Re- 
gungen der Kindheit entstammen. Vermittels der psychoanalytischen Methode 
kann man diese verbotenen Lustquellen aufspüren. Sie entstammen in jenen 
Dichtungen, die menschliche Schicksale und Begebenheiten darstellen, wie Dra- 
men, Romanen, Novellen, Epen regelmäßig dem Ödipuskomplex. In lyri- 
schen Dichtungen werden wir durch die magische Kraft der Worte zur Re- 
gression auf frühe Ichzustände veranlaßt, die der Erwachsene mit Rücksicht 
auf das Realitätsprinzip sonst nicht mehr genießen darf. Durch die soziale 
Tat des Kunstwerks zwingt der Dichter die Mitgenießenden zur Anerkennung 
gleicher Schuld aus der verbotenen Regung, wie sie ihn bedrückt. Diese Ge- 
meinsamkeit der Schuld entlastet sein Gewissen (s. a. Kunst). 

Dichtung (poetry, creative writing; fiction, creation litteraire) 
s. Dichter, Kunstwerk. 

Dingvorstellung (thing-ämage; representation objectale) 
s. Sachvorstellung. 

Dipsomanie (dipsomania; dipsomanie) 

ist periodische Trunksucht, auch Quartalssaufen genannt. S. Alkoholismus. 

Dirne (prostitute; prostituee) 

Wenn eine Frau sich der Prostitution ergibt, so treiben fast immer unbewußte 
Motive sie dazu. Gewöhnlich ist es eine schwere Enttäuschung am Vater, für 
die sich die Dirne durch ihre Prostitution rächt. Sie ist beim Akt meist 
frigid, verweigert also ihre letzte Liebeshingabe, ist keinem Manne treu und 
rächt sich so am Vater, den sie im Unbewußten der Untreue gegen sie be- 
zichtigt, da er der Mutter angehört. Das Geld, das sie nimmt, hat die 
Bedeutung des Penis; sie kastriert somit die Männer. Ihr Leben steht im 



Dirnenkomplex — dissimilatotisch 85 

Dienste unbewußter, sehr aggressiver Rachetendenzen. — Prostitutions- 
phantiaslen, wie sie beim weiblichen Geschlecht sehr häufig sind, liegen 
die gleichen Triebmotive zugrunde wie dem Dirnentum. Häufig findet man 
bei Dirnen eine polymorph-perverse Veranlagung des Sexualtriebes, darin oft 
eine nicht unbeträchtliche homosexuelle Komponente. 

Im Unbewußten des Mannes hat die Dirne häufig die Bedeutung der 
Mutter. Sie kommt zu dieser Bedeutung in jener Phase, in der der Knabe 
von den Geschlechtsbezxehungen der Erwachsenen erfährt und gleichzeitig 
von der Tatsache Kenntnis bekommt, daß Frauen gegen Entgelt gewerbsmäßig 
den Geschlechtsakt ausführen. Da sein Zweifel daran, daß auch die Eltern 
Geschlechtsverkehr pflegen, mit der Zeit fallen muß, findet er den Unter- 
schied zwischen Mutter und Dirne gering, da beide der verbotenen Sexualität 
hingegeben sind. Da die Dirne auch ihm zugänglich erscheint, liegt es für 
ihn nahe, seinen Ödipuswünschen gemäß unbewußt eine Gleichstellung der 
Dirne mit der Mutter vorzunehmen. 

Dirnenkomplex (prostifution-complex; complexe de Prostitution) 
Jene affektbesetzten Vorstellungen, die bei genügender Intensität Frauen zur 
Prostitution treiben, bei geringerer Intensität nur zu Phantasien in dieser 
Richtung führen, also die Enttäuschung am Vater, die Rachetendenz am 
Manne, die Hingabe an jeden, weil ein bestimmter, nämlich der Vater, einen 
verschmäht hat, bezeichnen wir in ihrem Zusammenhange als Dirnenkomplex. 

Disposition (predisposition, disposition ; predisposition) 
Als Disposition bezeichnet man die Bereitschaft und Empfänglichkeit für be- 
stimmte Einflüsse. Die Disposition kann in der Anlage (s. d.) begründet sein, 
oder sie wird im Laufe der Entwicklung erworben. Nicht selten treffen beide 
Momente zusammen, einander in ihrer Wirksamkeit verstärkend, und schaffen 
so eine hohe Disposition für weitere äußere Einflüsse. So kann eine anale 
Anlage durch die analen Interessen der Mutter, etwa übertriebene Sorge um 
den Stuhl des Kindes, zu einer hohen analen Disposition sich verstärken. 
Diese Disposition kann spätere, z. B. homosexuelle Einflüsse weit wirksamer 
gestalten, als sie ohne solche geblieben wären. Disposition und später erfol- 
gender Einfluß stehen im Verhältnisse der Kooperation; bei hoher Disposition 
wird ein geringer Einfluß ein bestimmtes Ergebnis zur Folge haben, bei ge- 
ringer Disposition wird der äußere Einfluß mächtig sein müssen. 

Die Disposition zur Neurose sieht die Analyse vor allem in der 
verspäteten Erziehung des Sexualtriebes zur Beachtung der Realität, in der 
Schwäche und gesteigerten Angstbereitschaft des Ichs infolge der langen 
biologischen Abhängigkeit der kleinen Menschenkinder, im zweizeitigen Ansatz 
der Sexualität, in einer ausgeprägten bisexuellen Anlage. 

dissimilaforisch (catabolic; catabolique) 

sind solche Prozesse im lebenden Organismus, die zum Abbau eigener leben- 

6* 



84 



dissimulieren — Don Juan 



der Substanz führen. Die letzte Theorie Freuds über die Triebe faßt die 
dissimilatorischen Prozesse des Organismus, die schließlich zum Altern, zur 
Krankheit und zum Tode führen, als Ausdruck und Ergebnis des Tode s- 
t riebe s auf, der der lebenden Materie innewohnt (s. Todestrieb), Den 
dissimilatorischen Prozessen stehen die assimilatorischen Prozesse 
gegenüber, die die lebende Materie und im weiteren den Organismus auf- 
bauen und als Effekt der Lebens- oder Liebestriebe betrachtet werden. 

dissimulieren (simulated recovery; guerison simulee) 

nennt man es, wenn Geisteskranke ihre Symptome verbergen und sich als 
geheilt darstellen, um ihre Handlungsfreiheit wiederzuerlangen. So stellen 
sich Melancholiker bisweilen gesund, um desto ungehinderter Selbstmord be- 
gehen zu können; auch Paranoiker versuchen auf diese Art ihre Freiheit zu 
erlangen, um etwa ihren vermeintlichen Verfolgern wirksam zu begegnen 
u. dgl. m. 

diSSOZial (dissocial; dissocial) 
s. Verwahrlosung. 

DiSSOZiation (dissociation; dissociation) 

Die Bewußtseinsspaltung (s. d.) wird bisweilen als Dissoziation 
bezeichnet. 



DokforSpiel (playing „doctor"; jouer au medecin) 

Ein häufiges Spiel der Kinder, dessen sexueller Charakter unverkennbar ist, 
ist das Doktorspiel. Es gibt Gelegenheit zur Betastung und Inspektion des 
Körpers und der Genitalien anderer Kinder. Die Identifizierung mit dem alle 
sexuellen Geheimnisse wissenden Arzt spielt dabei eine große Rolle. Fast alle 
Kinder spielen daher in den Phasen ihrer großen Sexualneugierde „Doktor". 
Die Sexualtheorien des Kindes kommen dabei im Doktorspiel häufig zum Aus- 
druck. Oft werden im Doktorspiel auch unangenehme Erlebnisse beim Arzt 
aktiv am Spielkameraden wiederholt und auf diese Weise durch aktives Ver- 
halten bewältigt. 

Don Juan 

Die Don Juan-Figur ist eine sagenhafte männliche Persönlichkeit, deren Haupt- 
interesse darauf gerichtet ist, Frauen zu erobern. Nach der Erreichung dieses 
Zieles wendet sich der Don Juan von jeder einzelnen Frau wieder ab und 
sucht nach einem nächsten Objekt für seine Triebbefriedigung. Dieses Ver- 
halfen des Don Juan, das an zahlreichen Männern beobachtet werden kann, 
ist psychologisch bedingt durch Wiederholungen aus der Zeit des Ödipus- 
komplexes. Das ewige Suchen nach neuen Frauen gilt der Mutter, die der Don 
Juan in jeder Frau zu finden hofft, wobei er aber in jeder neuen Liebesbezie- 
hung in seinen Hoffnungen getäuscht wird und sich für diese und für die in 



Doppelgänger — Drang 85 



der Kindheit erlittene Enttäuschung an der Mutter rächt, indem er die Frau 
selbst enttäuscht und verläßt. Gleichzeitig spielt bei seinen Bemühungen um 
Frauen eine Rolle, daß durch die Eroberung der Frau ein Dritter, dem die 
Frau gehört, geschädigt werde. In diesem geschädigten Dritten be- 
kämpft er den Vater, der ihm die Liebe der Mutter geraubt hat. (Otto 
Rank, Die Don Juan-Gestalt, I. VIII. 142.) 

Doppelgänger (double; double) 

Dem Motiv des Doppelgängers, wie er in Märchen und Dichtung vielfach 
aufscheint, legt Freud zwei Ursachen zugrunde. Den primären Narzißmus, 
entsprechend welchem der Doppelgänger das eigene Ich bedeutet, das durch 
diese zweite Existenz vor dem Untergänge durch den Tod geschützt werden 
soll. In dieser Hinsicht bedeutet der Doppelgänger eine „energische Demen- 
tierung der Macht des Todes" (Ran k). Das zweite Moment, das zur Bildung 
des Doppelgängers veranlaßt, ist die kritische Instanz und die Selbstbeobach- 
tung, denen zufolge dem Doppelgänger das vom eigenen Ich Verpönte zuge- 
schoben wird. Dementsprechend finden die unerfüllten Wünsche des Ichs für 
den Doppelgänger häufig ihre Erfüllung. (Rank, Der Doppelgänger, I. III. 
S. 97.) 

Dora 

nannte Freud die Patientin, deren Analyse und Krankengeschichte er in der 
Arbeit „Bruchstück einer Hysterieanalyse" im Jahre 1905 publizierte. 

Doilblefte (doublet; doublet) 

bezeichnet die Verdoppelung eines Objekts dadurch, daß ein zweites Objekt 
für das Unbewußte die Bedeutung des ersten erhält, so daß statt eines zwei 
Objekte von derselben Bedeutung vorhanden sind. Die Doublettierung, die 
wir in persönlichen Beziehungen, im Traum, in der Dichtkunst finden, dient 
der Entstellung durch Isolierung (s. d.). Erlebnisse und Eigenschaften wer- 
den auf zwei Objekte verteilt, wenn ihr Auftreten an einer Person die Wünsche 
und Wiederholungen aus dem Unbewußten zu deutlich verraten würde, oder 
wenn die Gegensätzlichkeit der Strebungen ihre Vereinigung an einem einzi- 
gen Objekt nicht zuläßt. 

Drama (drama; drame) 
s. Tragödie. 

Drang (Impetus, Impulse, urge; poussee) 

Der Drang ist eines der Unterscheidungsmerkmale des Triebes. Er bezeichnet 
das motorische Moment an demselben, die Höhe der Kraft, die den Trieb 
repräsentiert. Ein Maß für den Drang des Triebes ist die Höhe der durch ihn 
gerade noch überwindbaren Hindernisse (s. Trieb). 



86 



Dreizahl — Dynamik des Seelenlebens 



Dreizahl (the number three; le nombre trois) 

Die Dreizahl gilt als heilig und als besonders bedeutungsvoll. Dies leitet sich 
hauptsächlich davon ab, daß die männlichen Genitalien aus drei Teilen, dem 
Penis und den beiden Hoden bestehen; die mächtige unbewußte Einschätzung 
des männlichen Genitales ist auf die dasselbe symbolisierende Dreizahl über- 
gegangen. Auch die wichtigste Familienrelation, Vater — Mutter — Kind, wird 
durch die Dreizahl symbolisiert. 

Druckfehler (misprint; coquille, faute d'impression) 
s. Fehlleistung. 

dualisfische Auffassung in der Psychoanalyse (dualistic concep- 

rion; concepfion dualiste) 

Freud lehrte frühzeitig, daß die psychopathologischen Bildungen aus dem 
Konflikt zwischen zwei seelischen Tendenzen entstehen. Er erkannte als eine 
dieser Tendenzen den Sexualtrieb, die andere nannte er Selbster- 
haltungstrieb. Die Auffassung, daß zwei einander widerstrebende Kräfte- 
gruppen die psychopathologischen Erscheinungen hervorbringen, heißen wir 
eine dualistische (duo lat. zwei). Die dualistische Auffassung der psychopatho- 
logischen Phänomene wurde auch beibehalten, als die Auffassung von asexuellen 
Selbsterhaltungstrieben unzureichend wurde, weil insbesondere das Studium 
der Psychosen den hohen libidinösen Anteil am „Selbsterhaltungstrieb" 
nachwies. An Stelle des Dualismus Sexualtrieb — Selbsterhaltungstrieb wurde 
von Freud der Dualismus Narzißmus — Objektlibido aufgestellt. Auch die 
später durchgeführte Einteilung der Triebe in Liebes- oder Lebens- 
triebe und Todes- oder Destruktionstriebe entspricht in höch- 
stem Maße einer dualistischen Auffassung, da die beiden seelischen Kräfte- 
gruppen in ihren Tendenzen — Aufbau und Zerstörung — in extremem 
Gegensatze zueinander stehen. Bei triebpsychologischen Untersuchungen wer- 
den die einander in ihren Tendenzen entgegengesetzten, aber trotzdem ver- 
mengbaren, legierbaren Anteile an Todes- und Lebenstriebenergien an den 
psychischen Bildungen untersucht und ihre Schicksale bis zur Beteiligung 
am zu untersuchenden psychischen Gebilde verfolgt. 

Dynamik des Seelenlebens (dynamics of mental life; dynamisme de 
la vie psychique) 

Die Psychoanalyse als Theorie und als therapeutisches Verfahren beruht auf 
der dynamischen Auffassung des psychischen Geschehens. Freud erkannte, 
daß im seelischen Bereiche ähnlich wie in der materiellen Welt die Vorgänge 
nur durch die Aufdeckung der Kräfte, die sie verursachen oder in Erschei- 
nung treten lassen, in ihrer Entstehung und in ihrem Ablauf verstanden wer- 
den können. Vor allem ist durch die Entdeckung der unbewußten Vorgänge 
das Gesetz der Erhaltung der Energie auch für das Psychische anzuerkennen. 
Dynamische Vorstellungen, wie Anwachsen, Abfluß, Hinderung des Abflusses, 



Dysmenorrhoe — Egoismus 87 



Durchbruch, Verschiebung von Energien, also von dynamischen Quanti- 
täten, sind unerläßliche Erklärungsprinzipien des Seelischen geworden. Die 
Affektlehre, die gesamte Neurosenlehre, ja letzten Endes auch die bioanaly- 
tischen Einsichten fußen auf der Dynamik des Seelenlebens. Der Trieb, 
auf dessen Basis nach Auffassung der Psychoanalyse unser Seelenleben ruht, 
gilt uns als dynamisches Moment im Seelenleben. So können wir sagen, die 
Entdeckung der Gesetze des Seelischen habe mit der dynamischen Auffassung 
derselben begonnen. 

Der dynamische Gesichtspunkt der Betrachtung ergänzt sich durch den 
topischen und ökonomischen Gesichtspunkt zu jener Auffassung der 
seelischen Vorgänge, die Metapsychologie (s. d.) genannt wird. 

Dysmenorrhoe (dysmenorrhoea; dysmenorrhee) 
s. Menstruation. 



E 



EchokineSe (echokinesis; echocinesie) 

ist die zwangsmäßige Nachahmung von Bewegungen, die an Personen der 
Umgebung beobachtet werden. Echokinese finden wir bei Tic-Kranken und 
bei Schizophrenie. Die Echokinese ist der Ausdruck einer pathologischen 
Identifizierung (s. d.) ; nach Feremczi ist sie der vergebliche Versuch, 
das verlorene Ich-Ideal wieder zu gewinnen. (F e r e n c z i, Psychoanalytische 
Betrachtungen über den Tic. Bausteine I.) 

Echolalie (echolalia; echolalie) 

bezeichnet das zwanghafte Nachsprechen von Worten oder Sätzen, die in der 
Umgebung gehört werden. Die Echolalie finden wir bei Psychosen, vor allem 
bei Schizophrenie als Ausdruck einer pathologischen Identifizierung (s. d.). 

Echopraxie (echopraxia; echopraxie) 

ist die zwanghafte Nachahmung von Handlungen, die in der Umgebung beob- 
achtet werden. Sie findet sich vor allem bei Schizophrenie, selten bei 
Hysterie. Die Echopraxie ist der Ausdruck einer pathologischen Identifizierung 
mit dem nachgeahmten Objekt. 

Egoismus (egoism; egoi'sme) 

Als egoistisch bezeichnen wir solche Strebungen, die unter Vernachlässigung 
des Wohles Änderer das eigene Wohl und den Vorteil des eigenen Ichs zum 
Ziele haben. Die dualistische Auffassung (s. d.) des Seelischen, 



88 



Eh tgeiz — Eifer such t 



die Freud aus dem Studium der neurotischen Symptome gewann, stellte 
zunächst Selbsterhaltungstriebe und Sexualtriebe einander gegenüber. Dabei 
erschien der Egoismus als der deutlichste Ausdruck des Selbsterhaltungs- 
triebes, im Gegensatz zu den objektlibidinösen Sfrebungen stehend. Das 
Studium der narzißtischen Neurosen, die Beobachtung des Verhaltens bei 
organischer Erkrankung, die psychologische Betrachtung des Schlafzustandes 
mit seiner Einziehung der objektlibidinösen Besetzungen und seiner Erhöhung 
des egoistischen Interesses ließen Freud den libidinösen Anteil am 
egoistischen Verhalten erkennen. Der Narzißmus (s. d.) trat als libidinöse 
Ergänzung zum egoistischen Verhalten hinzu. Die Ersetzung des dualistischen 
Prinzips „Sexualtriebe — Selbsterhaltungstriebe" durch das dualistische Prin- 
zip „Lebenstriebe — Todestriebe", wie sie in der analytischen Theorienbil- 
dung seit dem Erscheinen von „Jenseits des Lustprinzips" (1920) vor sich 
gegangen ist, scheidet den Begriffsinhalt des Egoismus aus dem Betrachtungs- 
kreis der Triebtheorie aus; das egoistische Verhalten, erklärt sich aus den 
narzißtischen und aggressiven Tendenzen des Individuums in ihrem wechseln- 
den Gemenge. 

Ehrgeiz (ambition; ambition) 

Der psychoanalytischen Betrachtung ist es aufgefallen, daß sich der Charakter- 
zug des Ehrgeizes insbesondere bei solchen Menschen findet, die eine be- 
sonders starke urethral- erotische Komponente in ihrer infantilen 
Sexualität aufzuweisen haben (s. Urefhralerotik). So sind die mit brennen- 
dem Ehrgeiz Erfüllten häufig ehemalige Bettnässer; in ihren Kinderspielen 
finden sich regelmäßig Wettkämpfe mit Kameraden, in denen sie diese in 
der Fähigkeit, weit und hoch urinieren zu können, zu übertreffen suchten, 
Die Träume solcher Menschen erweisen sich oft als direkte oder verkleidete 
Harnträume. Die genefisch-charakferologische Betrachtungsweise der Psycho- 
analyse bringt die starke infantile Harnerotik mit der späteren Charakter- 
eigenschaft des Ehrgeizes in Zusammenhang und stellt sich vor, daß die 
Urethralerotik durch das ehrgeizige Verhalfen aufgezehrt worden ist. Freud 
nennt dementsprechend den Ehrgeiz einen urethral-erotischen Cha- 
rakterzug. — Abraham weist darauf hin, daß auch orale Libidokompo- 
nenten im Ehrgeiz zum Ausdruck kommen. (Karl Abraham, Psychoanalyti- 
sche Studien zur Charakterbildung. 1925.) 



Eifersucht (jealousy; Jalousie) 

Unter den Affektzusfänden, die vom Menschen schlecht beherrscht werden, 
ist die Eifersucht einer der häufigsten und quälendsten. In der normalen 
oder konkurrierenden Eifersucht mischen sich Trauer und Schmerz um 
das verloren geglaubte Liebesobjekt mit narzißtischer Kränkung, die durch 
den Verlust veranlaßt wird, und mit feindseligen Gefühlen gegen den bevor- 
zugten Rivalen. Dabei büßt der Eifersüchtige häufig an Selbstgefühl ein, 
ein wechselndes Maß von Selbstkritik macht das eigene Ich für den Liebes- 



Eijetsuchtswahn 89 



Verlust verantwortlich und läßt es sich minderwertig empfinden. Sehr häufig 
ist der Ausbruch an eifersüchtiger Regung dem Anlasse nicht adäquat; zur 
Eifersucht Neigende finden den geringsten Anlaß genug, mit eifersüchtigen 
Regungen loszubrechen» Daran schon zeigt sich der große Einfluß des Unbe- 
wußten an der Äffektbildung der Eifersucht. Sie ist tief im Unbewußten ver- 
ankert und hat ihre Wurzeln in den kindlichen Rivalifätsgefühlen, die in 
erster Linie aus dem Ödipuskomplex stammen. Die erste große Liebe 
des Kindes auf der genitalen Stufe mit ihrer ganzen mächtigen Äffektentwick- 
lung bildet sich ja fypischerweise in einer Situation, in der durch das Vor- 
handensein eines überlegenen Rivalen, nämlich des gleichgeschlechtlichen 
Elternteiles, die Entwicklung eifersüchtiger Regungen selbstverständlich ist. 
Die Fixierung an den Ödipuskomplex, die bei so vielen Menschen die Liebes- 
beziehungen entscheidend beeinflußt, läßt es verständlich erscheinen, daß 
entsprechend der Wiederholung der Ödipussituation häufig eine Dreieck- 
situation unbewußt herbeigeführt oder unbewußt erlebt wird. Durch solche 
Wiederholung aber ist auch die Entwicklung eifersüchtiger Regungen mit- 
bedingt. 

Die Eifersucht wird dann besonders stark und auf besonders geringfügige 
äußere Anlässe hin entwickelt, wenn sie nicht allein aus der reinen Dreieck- 
situation Liebender — geliebtes Objekt — Rivale stammt. In der Dreieck- 
beziehung selbst ist die eifersüchtige Beziehung nicht selten doppelt angelegt, 
in dem Sinne, daß beim Manne der Rivale gleichzeitig geliebtes Objekt, die 
geliebte Frau gleichzeitig Konkurrent ist, und entsprechend umgekehrt bei 
der Frau. Es treten dann zu den Eifersuchtsregungen aus heterosexuellen 
Motiven solche aus homosexuellen Motiven hinzu; die Eifersucht wird damit 
bisexuell erlebt und ihre Intensität dadurch gesteigert. Entsprechend der 
bisexuellen Anlage (s. Bisexualität) ist solche Art eifersüchtiger Regungen 
sehr häufig. 

Ferner erfährt die Eifersucht eine wesentliche Verstärkung, wenn der 
Eifersüchtige seine eigene Neigung zur Untreue, die der Verdrängung ver- 
fallen ist, dem Liebes- oder Ehepartner zuteilt, um sie dann im Partner 
zu bekämpfen. Den so entstandenen Anteil an eifersüchtigen Regungen nen- 
nen wir projizierte Eifersucht. 

Schließlich kann eine sehr starke homosexuelle Neigung auf die Weise 
abgewehrt werden, daß der Liebes- oder Ehepartner der Untreue beschuldigt 
wird, meist gerade mit jenen Objekten, denen die eigenen homosexuellen 
Strebungen gelten. Da die realen Verhältnisse in dieser Art von Eifersucht 
kaum mehr berücksichtigt werden und die eifersüchtigen Affekte völlig 
grundlos, ja oft unter wahnhafter Mißdeutung der realen Gegebenheiten 
sich entwickeln, sprechen wir bei solcher Art der Eifersucht von Eifer- 
suchtswahn (s. d.). 

Eifersuchtswahn (delusions of jealousy; delire de Jalousie) 

Der Eifersuchtswahn besteht darin, daß jemand seinen heterosexuellen 



90 



Eigensinn — Einfall, freiet 



Partner unzüchtiger Beziehungen mit anderen beschuldigt, ohne daß das 
Verhalten des Partners dafür Anlaß gäbe. In unbedeutendsten Anzeichen 
glaubt der von Eifersuchtswahn Befallene Beweise für die Untreue seines 
Partners zu haben; er behandelt ihn dementsprechend schlecht, oft tätlich 
aggressiv, während er auffäiligerweise dem Rivalen kaum feindlich gesinnt, 
ja oft mit ihm befreundet ist. Als Sinn des Eifersuchtswahns, der meist bei 
Alkoholikern auftritt, und eine psychotische Erkrankung darstellt, wurde 
von Freud die Abwehr starker homosexueller Strebungen erkannt. 
Der davon Befallene erwehrt sich der libidinösen Besetzung der homo- 
sexuellen Objekte dadurch, daß er den Partner der Beziehung bezichtigt, 
die er selbst unterhalten möchte. Die Formel der Abwehr lautet: ich liebe 
den Mann ja nicht, s i e liebt ihn. — Die durch den Alkoholmißbrauch ver- 
ursachte Potenzverminderung und die Enthemmung homosexueller Tendenzen, 
unterstützt durch den Umgang mit Marinem im Trinkerkreise, wird für den 
Eifersuchtswahn der Trinker verantwortlich gemacht. Es werden aber auch 
Nichtfrinker beiderlei Geschlechts davon befallen. (Ruth Mack-Brunswick, 
„Die Analyse eines Eifersuchtswahns", Z. XIV. 458. E. Jones, „Die Eifer- 
sucht", B. IL 154.) 

Eigensinn (self-will, obstinacy, stubbornness; obstination, entetement) 
Eigensinniges Verhalten ist für eine bestimmte Phase in der kindlichen Ent- 
wicklung typisch. Die Psychologie spricht von einer Trotzphase des Kin- 
des; diese fällt zeitlich mit der anal-sadistischen Organisations'stufe der 
Libido zusammen. Ursprünglich bezieht sich das eigensinnige Verhalten auch 
regelmäßig auf das Absetzen des Stuhles, der in dieser Zeit als ein wert- 
volles Stück Eigenbesitz betrachtet und als Mittel zur Ausübung einer ge- 
wissen Macht über die Umgebung, die manche Kin'der zur Tyrannei auszu- 
gestalten wissen, verwendet wird. Das Kind sträubt sich zu dieser Zeit gegen 
jede Einmischung in die Selbstherrlichkeit, mit der es über seine analen 
Funktionen verfügen will. Es wehrt sich gegen jede Einbuße dieses primi- 
tiven Selbstbesfimmungsrechfes, es erscheint in Bezug auf seine Stuhl- 
funktion eigensinnig. Von der analen Funktion aus kann sich bei stark anal 
veranlagter Libido der Eigensinn über andere psychische Tätigkeiten aus- 
breiten und zur generellen Charaktereigenschaft werden. Der Eigensinn ist 
neben Sparsamkeit und Ordnungsliebe ein wesentlicher Bestand- 
teil des Ä n a 1 ch a r a k t e r s (s. d.). 



Einfall, freier (free association; association libre) 

Als freie Einfälle bezeichnen wir alle im Zustande der möglichst kritik- 
freien Selbstbeobachtung auftauchenden Vorstellungen, Affektregungen und 
Willensimpulse, wie sie in Befolgung der psychoanalytischen Grundregel) 
(s. d.) auftreten. Dadurch, daß bei Einhaltung der Grundregel die Zielsetzun- 
gen des normalen, zielgerichteten, logischen Denkens ausgeschaltet oder min- 
destens herabgemindert werden, nähert sich die Form des Denkens der des 



Einfühlung — eingeklemmter Affekt 91 

Tagträumens oder Phantasierens. Es tauchen „ungewollte" Vorstellungen 
auf, die sich größtenteils als durch unbewußte Zielsetzungen bedingt er- 
kennen lassen und so vielfach Abkömmlinge des Unbewußten sind. Zahlreiche 
im normalen Denkprozesse peripher auftauchende, unbeachtet bleibende, 
häufig rasch unterdrückte Inhalte geraten ins Zentrum der Aufmerksamkeit; 
die Methode des freien Einfalls führt so zu einer Erweiterung des Bewußt- 
seins. Die Art der freien Einfälle, die Art und Weise, in der sie vorgebracht 
werden, ihre Stellung und ihr Ablauf lassen Schlüsse auf die ihnen zugrunde 
liegenden, unbewußten Determinanten zu. Die freien Einfälle werden so zu 
den wichtigsten Erkenntnismifteln der Psychoanalyse. (H. Hartmann, Die 
Grundlagen der Psychoanalyse 1927, IV. Die Methode des freien Einfalls.) 
Vom freien Einfall zu unterscheiden ist die freie Assoziation, bei 
der das Reaktionswort durch das zugerufene Reizwort gebunden ist. (S. Ässo- 
ziationsexperiment. ) 

Einfühlung (empathy; communion affective) 

nennen wir einen bestimmten seelischen Prozeß, durch den wir fremdes 
Seelisches so unmittelbar wie eigenes Erleben erfassen. Die wich- 
tigste Rolle bei der Einfühlung spielt die Identifizierung. Nach 
Winterstein geht der Vorgang der Einfühlung so vor sich, daß das Es 
auf irgend eine Weise die fremde Zuständlichkeit wahrnimmt und auf Grund 
gleicher emotioneller Bereitschaft oder gleicher Triebhaltungen sich mit ihr 
identifiziert. Es werden so die gleichen affektiven Regungen wie in der 
anderen Person mobilisiert, verwandte Gefühlsdispositionen erlebt und als 
innere Wahrnehmung dem Ich dadurch bewußt, daß sie sich in die ihnen 
immanenten Bewegungsanfriebe umsetzen. So wird Fremdseelisches auf Grund 
von Identifizierung in der Einfühlung zu einem gewissen Anteil wie 
Eigenseelisches erlebt, besonders da die motorischen Innervationen im Ein- 
fühlungsvorgange, wie alle Bewegungsintentionen, als sehr ichnahe empfun- 
den werden. (Winterstein, Zur Problematik des Einfühlens und des 
psychischen Verstehens. I. XVII, 305.) 

Einkoten (to soil with faeces; encopresle) 

nennen psychoanalytische Autoren die „Unart" der Kinder, Stuhl unter sich 
zu lassen. Das Einkoten, soweit es über die normale Zeit hinaus auftritt, ent- 
spricht in seinem Zustandekommen im wesentlichen der Enuresis (s. d.); es 
setzt jedoch ein stärkeres Überwiegen der Änalerotik über die urethrale 
Erotik voraus. 

Einnässen (wettlng; enuresie) 
s. Enuresis. 

eingeklemmter Affekt (strangulated affect; affect coince) 
Die Bezeichnung „eingeklemmter Affekt" entstammt den ersten und wich- 
tigsten Einsichten Freuds über die dynamischen Grundlagen der Neu- 
rosenbildung. Diese dynamische Vorstellung von der Genese der neurotischen 



92 



Einverleibung 



Symptome ging dahin, daß das neurotische Symptom aus Affektenergien her- 
gestellt wird, die an ihrer normalen Abfuhr — durch Handlung oder Affekt- 
erlebnis — gehindert, gewissermaßen eingeklemmt und so im seelischen Appa- 
rat zurückgehalten werden. Solche Einklemmung von Affekten kann durch 
äußere Umstände oder durch inneren Einspruch gegen die Entwicklung des 
Affekts, vor allem infolge moralischer oder ethischer Bedenken, bewerkstelligt 
werden. Dieser dynamischen Vorstellung von der krankmachenden Wirkung 
eingeklemmter Affekte entsprach die therapeutische Forderung, den Affekt 
im Zusammenhang mit dem auslösenden Erlebnis nachträglich zur Entwick- 
lung und freien Entladung, zum „Abreagieren" (s. d.) zu bringen. Die 
kathartxsche Methode (s. d.) setzte sich das Abreagieren eingeklemm- 
ter Affekte zum Ziel. 

Die Lehre vom eingeklemmten Affekt wurde im weiteren durch die Lehre 
von der Verdrängung (s.d.) ersetzt, entspricht aber im wesentlichen 
noch immer weitgehend der dynamischen Vorstellung, die die Psychoanalyse 
sich von der Symptomentwicklung gebildet hat. 

Einverleibung (incorporation; inoorporation) 

Die psychische Einverleibung von Objekten der Außenwelt hat Vorbild und 
Grundlage in der Nahrungsaufnahme. Auf der oralen Libidostufe, beson- 
ders in der Beißphase, ist die psychische Beziehung zu Objekten innig ver- 
knüpft mit dem intensiven Wunsche, sie auf oralem Wege einzuverleiben. 
Im Kannibalismus wird dieses Verlangen real befriedigt (s. kanni- 
baliatische Organisationsstufe der Libido). Aber auch auf den weiteren 
Entwicklungsstufen der Libido gehen die Objektbeziehungen mit Einverlei- 
bungstendenzen einher; selbst auf der genitalen Libidostufe wird für innig 
begehrende Wünsche die Bezeichnung „zum-Fressen-gerne-haben" gebraucht. 
Regelmäßig aber findet eine psychische Einverleibung des Objekts dann 
statt, wenn eine Objektbeziehung gelöst und durch Identifizierung (s. d.) 
ersetzt wird. Die Identifizierung geht als psychische Einverleibung vor sich; das 
einverleibte Objekt wird danach vielfach intrapsychisch wirksam, so besonders 
deutlich bei der Überich-Bildung, bei der die Eltern dem Ich einverleibt 
werden und dort innerseelisch ihre autoritative Funktion als moralische, 
kritisierende und strafende Instanz fortsetzen. Bei solcher Einverleibung, die 
eine Objektbeziehung durch Identifizierung ersetzt, wii'd die Objekflibido in 
narzißtische Libido umgewandelt. 

Die Einverleibung wird immer als ein oraler Vorgang erlebt und es ist 
orale Libido daran beteiligt. Wo die Einverleibung durch die Haut als mit- 
bestimmendes Vorbild für den psychischen Einverleibungsvorgang dient, wie 
bei der perkutanen oder epidermalen Einverleibung, oder die Ein- 
verleibung durch Einatmen, wie bei der respiratorischen Einver- 
leibung, durch den After, wie bei der analen Einverleibung, wird neben 
der oralen Libidobefriedigung auch noch die Haut-, bezw. die Respirations-, 
bezw. die Änalerotik mitbefriedigt. 






. 



Einziehung der Libido — Ejakulation 95 

Einziehung der Libido (withdrawal of llbido within oneself; refrait, 
repliement de la libido) 

Das große Reservoir der Libido ist der Narzißmus, also die Besetzung des 
eigenen Ichs mit sexueller Energie. Auch die Libido, mit der wir Objekte 
besetzen, entstammt diesem Reservoir. Der Abzug dieser Libido von den 
Objekten, etwa nachdem das Objekt seinen Werf verloren hat, oder vorüber- 
gehend im Schlaf, bei organischer Erkrankung, oder bei der Schizophrenie, 
wird dementsprechend als Einziehung der Libido oder Einziehung der Objekt- 
besetzungen bezeichnet (s. a. Narzißmus). 

Ejakulation (ejaculation; ejaculation) 

Als Ejakulation bezeichnet man das durch einen Refiexvorgang bewirkte 

Ausspritzen des Samens aus der männlichen Harnröhre, wie es normalerweise 

auf dem Gipfelpunkte der sexuellen Erregung im O r g a s m u s (s. d.) eintritt. 

Diese Ausstoßung der Samenflüssigkeit erfolgt stoßweise durch rhythmische 

Zusammenziehung der Muskulatur des Beckenbodens und der abführenden 

Samenwege. 

Ejaculatio praecox ist die wissenschaftliche Bezeichnung für den 
vorzeitigen Samenerguß. Wir unterscheiden zweierlei Formen dieses 
neurotischen Leidens, deren mildere darin besteht, daß die Ejakulation wohl 
erst nach einigen Koitusbewegungen eintritt, aber doch als zu früh und 
überstürzt empfunden wird und daher nicht maximal entspannend wirkt. Bei 
den schweren Formen kommt es gar nicht zur Einführung des Gliedes in 
die Scheide; der Samen fließt im Zustande sexueller Erregung bei schlaffem 
oder ungenügend steifem Gliede ab, statt stoßweise ausgespritzt zu werden. 
Die Ejaculatio praecox ist eine Sexualstörung, die dadurch zustande kommt, 
daß beim Sexualakt die genitalen Tendenzen durch prägenitale überwogen 
werden. Besonders die urethrale Komponente tritt hervor, indem der 
Abgang von Flüssigkeit aus der Harnröhre in der Ejakulation für das Unbe- 
wußte des Kranken mehr die Bedeutung der Harnentleerung als des Samen- 
ergusses hat. Die Ejakulation bedeutet in schweren Fällen der Ejaculatio 
praecox das Anurinieren der Mutter. Auch hat in diesen Fällen der Penis 
die Bedeutung der Brustwarze, der Samen die Bedeutung der Milch, so daß 
orale Triebqualitäten an dem Zustandekommen der Ejaculatio praecox in 
diesen Fällen beteiligt sind. — Die männliche Leifzone (s. d.) der glans penis 
ist vielfach, besonders in schweren Fällen, weniger erregbar als die weibliche 
Leitzone am Beckenboden und am hinteren Teile des Hodensackes. — Auch 
in ihrem Charakter zeigen die an schweren Formen der an Ejaculatio praecox 
Leidenden regelmäßig einen Mangel an männlichen und ein Überwiegen an 
passiv-femininen Zügen. — Bei den leichteren Fällen liegt häufig letzten 
Endes eine Ängstvorstellung vor dem weiblichen Genitale dem Leiden zu- 
grunde, die die freie Entfaltung der Genitalität hindert. Das Leiden ist, 
besonders in leichteren Fällen, durch Analyse behebbar (Abraham, Über 
Ejaculatio praecox. Klinische Beiträge zur Psychoanalyse. — W. R e i ch, Die 
Funktion des Orgasmus. 1927). 



Ekel— Ekstase 



94 



Als Ejaculatio refardafa bezeichnet man jene Sexualstörung, bei 
der bei intakter Erektion die Ejakulation im Verkehr nur schwer und spät 
erreicht werden kann. Die Ejaculatio retardata findet sich bei stark anal 
veranlagten Personen und Zwangsneurotikern und ist darauf zurückzuführen, 
daß auf Grund starker analer Partialtriebansprüehe der Samen dem Kote 
gleichgesetzt und zurückgehalten wird. 

Ekel (disgust; degoüt) 

Der Ekel ist ursprünglich die Abwehrreaktion gegen eine unliebsame orale 
Einverleibung. Seine motorische Innervation in Form des Würgens und 
schließlich des Erbrechens, sowie die Art seiner unlustvollen Gefühlsbegleitung 
bedeuten das Gegenteil einer lustvollen oralen Aufnahme. Im Laufe der Ent- 
wicklung werden die Ekelgefühle zur Abwehr verschiedener Tendenzen ver- 
wendet. Sie gehören zum normalen Rüstzeug für die Äufrechterhaltung der 
Verdrängung analer Strebungen, koprophiler und kannibalistischer Neigungen 
u.a.m. Wir betrachten sie als pathologisch, wenn sie besonders heftig sind 
und wenn sie dort zur Abwehr auftreten, wo im allgemeinen Ekel nicht emp- 
funden, ja normalerweise sogar Anziehung verspürt wird. So wird von hysteri- 
schen Personen die Ablehnung der Sexualität als Ekel vor derselben erlebt. 
Starke orale Wünsche, die der Verdrängung unterlegen sind, verstärken dabei 
diesen Ekel vor der Sexualität lebhaft. Das hysterische Erbrechen leitet sich 
davon her. 

Die Entstehung der Ekelgefühle, die wohl bereits organisch vorgezeichnet ist, 
müssen wir sehr frühzeitig im Kindesalter, wohl schon im ersten Lebens- 
jahre, annehmen. (Nunberg, Allgemeine Neurosenlehre. 1932, Der Ekel.) 

ekphofieren („ecphorize"; reviviscence, ecphorie) 

heißt das Erlebnis, das in einem Engramm, also in einer psychischen Dauer- 
spur (s. d.) niedergelegt ist, zur Reproduktion bringen. Gewöhnlich geschieht 
des Ekphorieren als Erinmern, aber auch die Wiederholung von 
einmal Erlebtem muß als eine Art des Ekphorierens betrachtet werden. 

Ekstase (ecstasy; extase) 

Als Ekstase bezeichnet man Gefühlszustände tiefsten Glückserlebens aus der 
Empfindung mit Gott eins zu werden und so Gottes Erlebnis als sein eigenes 
zu spüren. Das ekstatische Erlebnis wurde von Heiligen und vor allem von 
den christlichen Mystikern oftmals geschildert. Die Schilderungen lassen die 
erotische Grundlage des ekstatischen Erlebnisses vielfach erkennen. Der 
Charakter des Ekstatischen im Lustgefühl kommt zustande durch die 
Aufhebung der Ich-Grenzen, die in der Ekstase vor sich gehen. Ich und Gott 
werden Eines: d. h. aber Über-Ich und Außenwelt gehen ins Ich ein, fallen 
mit ihm zusammen und werden dabei in der Ekstase als Ich erlebt. Die 
sexuelle Vereinigung ist das Vorbild der Ekstase. Die ungeheure Erweiterung 
der Ich-Grenzen und die Steigerung des Ich-Gefühls machen wesentlich den 



elliptische Darstellung — Endlust 95 

ekstatischen Glückszustand aus. (Helene Deutsch, Über Zufriedenheit, Glück 
und Ekstase, Z. XIII. 410.) 

elliptische Darstellung (elliptic representation; figuration elliptique) 
ist eine Darstellung, in der ein wesentliches Element des Darzustellenden 
ausgelassen wird (elleipsis, griech. = Auslassung). Solcher elliptischer Dar- 
stellung bedient sich bisweilen der Witz, vor allem aber häufig der Traum, 
auch das neurotische Symptom. Die Auslassung dient dazu, den Inhalt des 
Dargestellten dem rationalen Denken unverständlich zu machen. Es ist Auf- 
gabe der psychoanalytischen Technik, die ausgelassenen Elemente zu erraten 
und einzusetzen und so die elliptische Darstellung zu einer vollständigen 
zu ergänzen. 

Emotion (emotion; emotion) 

ist eine starke Gemütsbewegung, das was gewöhnlich durch das Wort Affekt 
(s. d.) ausgedrückt wird. So wird ein heftiges affektives Erlebnis auch als 
emotionelles oder emotionales Erlebnis bezeichnet. 

Empirie (empiricism; donnee empirique ou d'experience) 
heißt auf griechisch Erfahrung. Empirisch gewonnene wissenschaftliche 
Ergebnisse sind somit solche, die nicht durch Schlüsse, Spekulationen, Theorien, 
sondern durch unmittelbare Erfahrung gewonnen wurden. Empirische Wissen- 
schaften trachten aus der Beobachtung von Tatsachen zur Erkenntnis allge- 
meiner Gesetzmäßigkeifen zu gelangen. Die Psychoanalyse ist eine 
empirische Wissenschaft, ihre Theorienbildung gründet sich auf die 
Erfahrung. Ihr wichtigstes Mittel zur Erlangung von Erfahrung ist die psycho- 
analytische Technik; die subjektiven Aussagen des Änalysanden und die 
objektive Beobachtung seines Verhaltens und seiner gesamten Reaktionen 
bilden das vornehmliche Erfahrungsmaterial der Psychoanalyse. Aber auch aus 
der sorgfältigen Beobachtung von psychotisch Erkrankten und aus den 
psychischen Reaktionen normaler Menschen, besonders aus ihren Träumen 
und Fehlleistungen, wird wichtiges Erfahrungsmaterial für die psychoanaly- 
tische Wissenschaft bezogen. Die direkte Beobachtung der Kinder schließlich 
liefert reichlich empirisches Material zum Aufbau und Ausbau des psycho- 
analytischen Lehrgebäudes. 

EndltlSt (end pleasure; plaisir resolutoire ou volupte orgastique) 
Die Psychoanalyse unterscheidet mit Freud zwei Formen der Sexuallust. Die 
eine Form ist die durch die infantilen Sextialbetäfigungen erlangbare; 
sie ist an die verschiedenen erogenen Zonen gebunden und wird durch deren 
Reizung hervorgerufen. In ihrem Verlauf zeigt sich wenig von Anstieg und 
Abfall, die Spannungsverminderung durch das Erlebnis dieser Art von Lust, 
die als V o r 1 u s t bezeichnet wird, ist gering. In der Pubertät tritt eine 
neue Form von Sexuallust auf; diese ist viel intensiver, ja es ist die höchste 



96 



endopsychisch — Energie, seelische 



erlebbare Lust. Ihr Sitz ist das Genitale; ihr Mechanismus unterscheidet sich 
dadurch von der Vorlust wesentlich, daß mit ihr ein Abfall bis zum Erlöschen 
jeglicher Sexualspannung erfolgt. Diese Form der Lust, die also den Orgas- 
mus (s. d.) des Erwachsenen auszeichnet, wird als E n d 1 u s t bezeichnet. 
Die Vorlust, die auch nach der Pubertät von den verschiedenen erogenen 
Zonen, vor allem durch das sexuelle Vorspiel bezogen wird, trägt dann zur 
Erhöhung der Sexualspannung bei, die vor allem als genitale Erregung ver- 
spürt wird und deren Energiebetrag in der Endlust abgeführt wird. 

endopsychisch (endopsychic; endopsychique) 

heißt innerhalb des Seelischen, also das, was der deutsche Ausdruck inner- 
s e e 1 i s ch umfaßt. So ist ein endopsychischer Konflikt ein Konflikt zwischen 
Strebungen, die dem eigenen Inneren entstammen, endopsychische Wahrneh- 
mung ist die Wahrnehmung von Vorgängen, die innerhalb des seelischen 
Apparates ablaufen usw. 

endogen (endogenous; endogene) 

heißt durch innere Bedingungen oder Vorgänge entstanden. Die Entstehung 
eines Phänomens durch äußere Ursachen kennzeichnet dieses als exogen. 
Als endogene Momente für die Neurosenbildung betrachten wir eine starke 
Ausbildung einzelner prägenitaler erogener Zonen, einen primär starken 
Äggressionstrieb, genuin bedingte schwache Entwicklung des Ichs, starke 
Verdrängungsneigung u. dgl. m. Endogene' und exogene Momente stehen in 
Kooperation, nach der Ergänzungsreihe (s. d.) 

Energie, Seelische (psychic or mental energy; energie psychique) 
Jedem .seelischen Vorgang denkt sich die Psychoanalyse, in Analogie zu den 
physikalischen Vorgängen, eine Bewegung von dynamischen Quantitäten zu 
Grunde liegend. Diese ihrer Qualität nach bis jetzt völlig unbekannten dynami- 
schen Quantitäten nennen wir seelische Energie. Die Psychoanalyse hat sich 
über die Gesetze der Energieverschiebung, die den verschiedenen seelischen 
Vorgängen zu Grunde liegend gedacht wird, Vorstellungen gebildet, die sich 
für theoretische und praktische Zwecke als sehr fruchtbar erwiesen haben. 
Der seelische Apparat hat nach Meinung der Psychoanalyse die Aufgabe, 
die seelische Energie, die ihm zugeführt wird, nach bestimmten Prinzipien zu 
verteilen und abzuführen. Als Energiezufuhren wirken die Reize der 
Außenwelt und die Trieb e. Besonders die letzteren stellen eine große 
Aufgabe der Bewältigung. Jede Energiezufuhr äußert sich als Spannung und 
ist meist unlustvoll. Die Energie abfuhr geschieht durch die Motilität 
und die Äffektivität, also durch Handlungen und Gemütsbewegungen. 
Meist ist die Spannungsverminderung durch Energieabfuhr lustvoll und er- 
leichternd. — Auch das Vorstellen, das Denken, das Erinnern sind Vorgänge., 
denen Energieverschiebungen zu Grunde liegen. Anhäufung von seelischer 
Energie an einer bestimmten Stelle des seelischen Apparates bezeichnen wir 
als Energiebesetzung.